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Tag fünf

Allmählich erwachte Lisa wie aus einer tiefen Bewusstlosigkeit. Sie lag immer noch auf dem Bauch, genauso, wie sie sich gestern auf das Bett geworfen hatte. Die Kleidung fühlte sich unangenehm verschwitzt und schmutzig auf der Haut an. Ihr Gesicht klebte auf dem Laken und löste sich nur allmählich, als sie den Kopf hob. Es fiel ihr schwer, sich zu orientieren. Vorsichtig setzte sie sich auf und rutschte auf die Bettkante.

Je mehr sie zu sich kam, desto klarer drang ein Gedanke in ihr Bewusstsein: Schau genauer hin. Der Schneeballtraum. Was, wenn all das, was sie träumte, zusammengehörte? Hatte sie möglicherweise alle Puzzleteile schon?

Ein Blick auf den Wecker verriet ihr, dass es schon nach elf war. Benommen trat sie vor den Schrank und betrachtete die fast leeren Fächer darin. Entweder musste sie mit ihrer Mutter reden, oder selbst lernen mit der Waschmaschine umzugehen. Ihre Gedanken wollten wieder abschweifen.

Lisa griff sich den letzten Satz Kleidung und wankte ins Bad. Auch hier war es, wie überall im Haus, stickig und unerträglich heiß.

Lisa stieg unter die eiskalte Dusche und machte sich nicht die Mühe, warmes Wasser hinzuzudrehen. Das kalte Wasser half ihr, wieder klar zu denken, so dass sie während des Duschens und beim anschließenden Zähneputzen Ihre bisherigen Träume sortierte.

Als sie wenig später in die Küche kam, fühlte sie sich erfrischt und klar. Ihre Mutter saß am Tisch und las ein Buch. Lisa schnappte sich einen Apfel aus der Obstschale und eilte weiter ins Arbeitszimmer ihres Vaters. Ihrer Mama, die ihr ein „geht es dir besser, ich habe mir Sorgen gemacht?“ hinterherrief, antwortete sie nur „alles bestens, ich brauchte nur Schlaf.“ Sie besann sich und kehrte noch einmal um und ergänzte, in der Küchentür angekommen, „und dringend meine Wäsche, das ist das Letzte, was ihm Schrank war.“

Mama sah kurz auf. „Ist aber hübsch. Ich kümmere mich bei Gelegenheit darum.“ Dann las sie weiter.

Lisa zuckte resigniert die Schultern und verschwand endgültig ins Arbeitszimmer.

Sie griff sich das Festnetztelefon vom Schreibtisch und wählte die Nummer von Toms Großeltern. Ihr Vater hatte sie gleich nach ihrem Einzug abgespeichert. Es klingelte kurz, dann meldete sich Toms Großvater.

„Hallo, hier ist Lisa. Kann ich Tom kurz mal sprechen?“ kam sie gleich auf den Punkt.

„Ja, warte kurz, der ist oben. Ich hole ihn ans Telefon.“ Dann hörte Lisa ihn am anderen Ende brüllen. „Tom, Telefon für dich, Lisa ist dran.“

Lisa ging durch den Kopf, dass sie Tom auf diese Weise auch direkt hätte rufen können. Jetzt waren eilige Schritte am anderen Ende der Leitung zu vernehmen und Tom meldete sich atemlos.

„Hey Lisa, was gibt’s?“

„Hast du Zeit? Dann komm mal rüber.“

„Klar, bin schon unterwegs.“

„Halt, warte“ unterbrach sie ihn. „Druck bitte die Temperaturen der Wetterstation auf dem Hügel von Mai bis jetzt aus und bring sie mit, stundengenau. Das geht über die Website.“

„Stundengenau?“ fragte Tom leicht entrüstet nach. „Weißt du wie viele Seiten das sind?“

„Mach es einfach.“ Lisa hatte keine Geduld für lange Erklärungen.

„Okay Chef, wird gemacht.“ Lisa hörte das Klicken, als Tom auflegte.

Es dauerte noch geschlagene zwanzig Minuten, bis es an der Haustür klingelte.

„Tom ist da“, rief ihre Mutter aus dem Flur.

„Ich bin in Papas Arbeitszimmer“, antwortete Lisa. „Schick ihn einfach durch.“

Als Tom den Raum betrat, platzierte sie ihn auf dem Schreibtischstuhl direkt vor der Pinnwand.

Er hielt ihr den Packen Ausdrucke hin.

„Zuerst hat sich der Drucker ewig geputzt und dann war die schwarze Tinte leer. Dann hat er sich wieder geputzt und anschließend gedruckt bis das Papier alle war.“ Er unterbrach sich. „Was ist das?“ Sein Blick wanderte über die Pinnwand.

„Das sind die Recherchen meines Vaters zu dem Licht, zumindest die linke Hälfte. Rechts sind meine Ergänzungen. Und die werde ich jetzt vervollständigen. Meine Träume sind nämlich keine Hirngespinste. Das werde ich mit Hilfe der Messdaten, die du mitgebracht hast, beweisen.“

Sie rannte in die Küche und lies den verdutzten Tom zurück. Nach ein paar Minuten stand sie mit einer Zeitungsseite wieder vor ihm, die sie aus dem Altpapier herausgefischt hatte. Sie studierte kurz einen Artikel und forderte Tom auf, ein Datum aus den Messdaten herauszusuchen und sich die Temperaturen in der darauffolgenden Nacht anzusehen.

Tom machte keine Anstalten Lisas Aufforderung nachzukommen. Sie schaute ihn verärgert an.

„Lisa, das ist kein Beweis. Das ist die Nacht letzte Woche, als du aufgewacht bist. Wir wissen bereits, dass es in dieser Nacht ungewöhnlich kalt war.“

Lisa hielt ihm den Zeitungsartikel hin.

„Aber wir wussten nicht, dass am Tag vorher dieses kleine Mädchen von dem Autounfall gestorben ist. Ich bin davon überzeugt, dass ich in der Nacht sie und ihren Vater vor dem Haus gesehen habe. Außerdem habe ich auch davon geträumt, sowohl von dem Unfall als auch davon, wie sie im Krankenhaus gestorben ist. Das kann kein Zufall sein.“

„Das ist aber immer noch kein Beweis, nur eine Vermutung.“

„Du hast Recht, aber vieles spricht dafür. Hier habe ich die Messprotokolle des letzten halben Jahres.“ Sie wies auf die Pinnwand. „Zwei Daten, an denen es kalt war, stimmen mit den Todestagen von Trudis Mann und Sophie Kramer überein, das ist die Frau, von der Martin erzählt hat. Nehmen wir mal an, meine Annahme stimmt, dann gehört das dritte Datum vor Mai der älteren Dame, die ich im Wald gesehen habe, und mein Vater im Übrigen auch, denn seine Notizen beweisen, dass er diese drei Menschen auch gesehen hat. Er war auch im Wald. Er hat sogar Fotos gemacht. Zugegeben, da sind keine Menschen drauf, aber das wundert mich bei dieser unglaublichen Geschichte nicht. Er hat an dem Geheimnis gearbeitet, ganz sicher. Ich denke, wir sind nur deshalb hierhergezogen. So, wenn die Nächte, an denen es kalt wird immer auf Todesfälle folgen und die kalte Nacht letzte Woche zu dem Mädchen gehört, dann ist der Mann, der sie getragen hat, ihr Vater und wir müssen nur noch herausbekommen wer die ältere Dame ist und der große Mann, den ich auf der Lichtung gesehen habe.“

„Das Ganze hat nur einen Haken. Soviel ich weiß, lebt der Vater des Mädchens noch“, nutzte Tom die Pause, als Lisa Luft holen musste.

Sie atmete hörbar aus.

„Stimmt.“ Lisa wirkte enttäuscht.

„Lass nicht gleich den Kopf hängen“, versuchte Tom sie aufzumuntern. „Es ist die beste Theorie, die wir haben und damit arbeiten wir jetzt. Die Ungereimtheiten beseitigen wir nach und nach. Für mich klingt das gar nicht so schlecht. Ich kümmere mich hierum.“ Er hob den Packen Papier auf seinem Schoß an, „aber später.“ Er stand auf und legte den Stapel Messdaten auf den Schreibtisch. „Komm, ich lade dich nochmal auf ein Eis ein. Ich muss aus dieser stickigen Bude raus.“

Frau und Herr Kruger standen über ein Smartphone gebeugt am Tresen, als Tom und Lisa Terry’s betraten. Als Herr Kruger die beiden Jugendlichen sah, winkte er sie zu sich heran. Lisa bemerkte, dass Frau Kruger Tränen in den Augen hatte.

„Schaut mal“, sagte Herr Kruger und wies auf das Handy. Wir waren auf dem Friedhof und haben uns Helenes Grab angesehen.“ Er streichelte seiner Frau entschuldigend über den Handrücken. „Verzeih Schatz, ich habe den Kindern von Helene erzählt. Sie waren doch neulich hier, als Helenes Tochter da war und sie haben sich Sorgen gemacht. Da konnte ich nicht anders und habe ihnen die ganze Geschichte erzählt. Aber ich denke, wir haben lange genug ein Geheimnis daraus gemacht.“

Frau Kruger schnäuzte sich die Nase.

„Ja vermutlich“, sagte sie und zeigte ihrerseits auf das Display. „Das ist ihr Grab. Einen schönen Grabstein hat ihre Tochter ausgesucht, nicht? Helene mochte Sandstein so gerne. Ach, hätten wir uns doch früher einmal ausgesprochen. Ich vermisse sie.“

Lisa bekam einen Schock. Auf dem Grabstein waren mit Bronzebuchstaben der Name und die Lebensdaten der Verstorbenen vermerkt. Das Sterbedatum passte zu dem, welches Lisa bei der älteren Frau an der Pinnwand notiert hatte. So wie es aussah, hatten sie ein weiteres Puzzleteil ergänzt.

„Das ist ein schöner Grabstein“, bemühte Lisa sich, ihre Nervosität zu überspielen. „Schau mal Tom, findest du nicht auch?“

Tom, der bisher etwas abseitsgestanden hatte, trat näher an den Tresen heran. Sofort wusste er, worauf Lisa ihn aufmerksam machen wollte. Auch er äußerte ein paar Worte darüber, wie schön das Grab hergerichtet war, dann kauften die zwei Teenager ihr Eis und verließen beinahe fluchtartig den Laden.

„Hast du das gesehen?“, platzte Lisa auf der Veranda heraus.

„Ich bin zwar manchmal etwas begriffsstutzig, ganz verblödet bin ich aber nicht“, antwortete Tom und entschärfte seine harschen Worte mit einer übertrieben entrüsteten Mine. „Du hast mich wohl deutlich genug darauf hingewiesen. Oder hast du geglaubt, ich bin ein begeisterter Liebhaber äußerst geschmackvoller Grabsteine?“

„Natürlich nicht“, stellte Lisa klar. „Ich wollte nur sichergehen, dass du es wirklich gesehen hast.“

„Die ältere Frau von der Lichtung ist wohl diese Helene, die Schwester unserer Frau Kruger da drinnen“, formulierte Tom, was beide dachten. „Und nun mach dein Eis auf, bevor es schmilzt.“

Nachdem sie das Eis verschlungen hatten, stiegen sie wieder auf ihre Räder und Tom fuhr hinter Lisa den Hügel hinauf. Auf der Hälfte der Strecke schloss er zu ihr auf.

„Lass uns zu meinem Baum fahren, ich will dir etwas erzählen“, sprach er sie an.

„Gerne“, antwortete Lisa, „es ist ja noch früh und vielleicht weht da oben ein kühlender Wind. Vielleicht ist es auch nur ‚Backofen-Umluft‘, ist aber egal. Alles ist besser als der stickige Mief im Haus. Und seit wann ist das dein Baum?“

Tom grinste sie an. „Schon immer. Ich kann ihn dir aber gerne mal leihen.“

„Und wenn ich als erste da bin und ihn einfach annektiere?“, fragte Lisa und trat kräftig in die Pedale.

„Nur weil du so tolle Fremdwörter kennst, heißt das noch lange nicht, dass du eher da bist.“ Auch er beschleunigte und hatte Lisa schon nach wenigen Metern überholt. Als Lisa den Baum erreichte, lag Tom bereits darunter im Gras und blickte beiläufig in die Ferne. Sie ließ sich japsend neben ihn fallen.

„Ach, da bist du ja“, feixte er, „ich habe schon gedacht, du hättest es dir anders überlegt.“

Sie boxte ihm auf den Oberarm, was Tom mit einem schmerzhaften Lachen kommentierte.

„Weißt du eigentlich, dass du ganz schön brutal bist?“ Tom rollte sich auf die Seite. „Außerdem hast du keine Kondition.“

„Hör auf zu meckern und erzähl.“ Lisa drehte sich ebenfalls auf die Seite und sah Tom ins Gesicht. Sie erkannte, dass er plötzlich ernst wurde.

„Ich wollte dir vom Tod meiner Eltern erzählen. Also natürlich nur, wenn es dir recht ist. Es ist nur so, dass es mich in letzter Zeit wieder sehr beschäftigt, genauer gesagt, seit wir uns mit diesen umherlaufenden Toten befassen.“

„Klar ist es mir recht“, antwortete Lisa, „erzähl.“

„Ich war fünf, als es passiert ist“, begann Tom. „Ich war bei meinen Großeltern in den Ferien. Das habe ich ja schon einmal erwähnt. Mein Papa hat meine Mama mit nach Amerika genommen, um ihr die Ostküste und New York City zu zeigen. Er musste zu einem Vertragsabschluss mit Geschäftspartnern dort hin und hielt es für eine gute Gelegenheit. Anschließend sollten sie mich abholen und wir wollten gemeinsam in den Urlaub fahren.

Ich habe meine Eltern zwar vermisst, habe mich aber sehr gefreut, bei meinen Großeltern zu sein. Sie haben immer ganz tolle Ausflüge mit mir gemacht. Außerdem war ich ziemlich aufgeregt, weil ich nach dem Sommer eingeschult werden sollte.

Eines Morgens hat es dann an der Haustür geklingelt und ich bin hingerannt, um zu öffnen, weil ich gedacht habe, meine Eltern sind wieder da. Vor der Tür standen jedoch ein Mann und eine Frau, die ich nicht kannte. Ich erinnere mich noch, wie sich die beiden angesehen haben, als ich die Tür aufgemacht habe. Dann hat die Frau gefragt, ob meine Großeltern da seien.

Meine Oma und mein Opa sind wie in Zeitlupe aus der Küche in den Flur gekommen. Später habe ich erfahren, dass kurz bevor es schellte im Radio die Meldung kam, dass ein Flugzeug kurz vor der irischen Küste in den Atlantik gestürzt war. Das war die Maschine meiner Eltern.

Ich wusste sofort, dass da etwas nicht in Ordnung war. Ich denke, Oma und Opa waren völlig überfordert, denn sie haben mich in den Garten geschickt und sind dann mit den zwei Fremden in der Küche verschwunden. Ich bin immer wieder hingegangen, um nachzusehen, aber die Tür blieb eine ganze Weile verschlossen. Ich erinnere mich noch ganz genau an jeden Augenblick dieses Tages, obwohl ich so klein war.

Nach einer gefühlten Unendlichkeit kamen schließlich alle wieder heraus. Meine Oma war völlig verheult und mein Opa wirkte so zerbrechlich. Das war ich überhaupt nicht von ihm gewohnt. Für mich war er immer der stärkste Mann der Welt, neben meinem Vater natürlich. Die Fremden verabschiedeten sich, meine Oma ist weinend in der Küche verschwunden. Mein Großvater hat mich stumm bei der Hand genommen und wir sind spazieren gegangen. Eine ganze Weile lief er stumm neben mir her und ich habe auch nicht gewagt, ihn anzusprechen.

Ich habe keine Ahnung, wie lange wir gelaufen sind. Irgendwann sind wir genau hier unter diesem Baum angekommen, haben uns ins Gras gesetzt und Opa hat mir erzählt was passiert war. Er hat versucht, es kindgerecht zu verpacken, doch ich hatte trotzdem fürchterliche Angst. Meine Eltern waren nicht am Flughafen angekommen und niemand wusste, wo sie waren. Das Flugzeug war einfach verschwunden.

Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wie ein ganzes Flugzeug verschwinden konnte. Es war doch so groß. Sicherlich hatte der Pilot sich verflogen und sie waren am falschen Flughafen gelandet. Es müsste nur jemand losgehen und richtig suchen, dann würde man sie sicherlich finden. Trotzdem, ich hatte Angst, stellte ich mir vor, ich wäre allein an irgendeinem unbekannten Flughafen. Ich war schon einmal an einem gewesen, um Papa abzuholen und da hatte ich Angst gehabt, obwohl Mama dabei gewesen war, die vielen Menschen, lange Gänge und diese Unmengen riesengroßer Flugzeuge. Nein, so ein Flugzeug konnte nicht einfach verschwinden.

Am nächsten Tag ist mein Großvater nach Irland geflogen, um vor Ort zu sein, falls es Neuigkeiten gab. Ich bin mit meiner Oma hiergeblieben und sie hat versucht, so gut es ging die Ruhe zu bewahren und sich um mich zu kümmern. Jeden Abend hat Opa angerufen, es gab jedoch nichts Hoffnungsvolles zu berichten.

Ganze vier Wochen haben Suchmannschaften mit Schiffen und Flugzeugen nach der abgestürzten Maschine gesucht. Schließlich haben sie aufgegeben. Mein Großvater, der, wie viele andere Angehörige der Opfer, die ganze Zeit vor Ort ausgeharrt hatte, ist dann enttäuscht und traurig wieder nach Hause gekommen. Heute glaube ich, wenn Oma und Opa sich nicht gegenseitig gehabt hätten, wären sie beide daran zerbrochen. Von dem Flugzeug ist später ein Teil einer Tragfläche an der westirischen Küste angeschwemmt worden, sonst nichts.

Die Zeit, die dann kam, war für uns alle sehr schwer. Meine Eltern waren einfach weg und es gab noch nicht einmal einen Ort, um sich an sie zu erinnern. Mein Kindergartenfreund hatte ein halbes Jahr vorher seinen Opa verloren, der war auf einem Friedhof beerdigt und er konnte ihn dort besuchen. Ich hatte nichts. Als mein Freund mich ein paar Wochen später angerufen hat, habe ich ihn am Telefon dafür beschimpft.

Ganz lange war ich nur noch wütend und traurig. Meine Großeltern haben sich viel Mühe gegeben, aber ich habe es ihnen nicht leicht gemacht. Alles hatte ich verloren, meine Eltern, mein Zuhause meine Freunde, ich habe ja seitdem hier gewohnt und ging daher zwangsläufig auf eine andere Schule als geplant. Es war alles so ungerecht. Ich war sogar sauer auf meine toten Eltern, dafür, dass sie mich einfach zurückgelassen hatten.

Ein bisschen Frieden habe ich erst gefunden, als mein Opa noch einmal mit mir zu diesem Baum gegangen ist. Er hat mir erzählt, dass er als Kind schon immer hierhergekommen war, wenn es zuhause Ärger gab und dass der Baum tatsächlich ihm gehörte, denn das Stück Land, auf dem er stand, war seit Generationen in Familienbesitz.

Es war es auch der Lieblingsplatz meines Vaters gewesen, als der ein Kind war und als er sich in meine Mama verliebt hat, sind sie zusammen hierhergekommen, um allein zu sein.

An diesem Tag hat mein Großvater mir das Stück Land mit der Linde darauf geschenkt und gesagt, dies sei von nun an mein Platz, um an meine Eltern zu denken, denn hier wären sie gemeinsam glücklich gewesen. Es gäbe keinen besseren Platz, um sich an sie zu erinnern.

Irgendwie hat Opa herausgefunden, was mir fehlte. Zu dem Zeitpunkt war ich acht, meine Großeltern haben meine Unausstehlichkeiten also ziemlich lange ertragen.

Von da an wurde es erträglicher. Ich war wohl nicht mehr so ein Kotzbrocken und ich habe mich nicht mehr ganz so verloren gefühlt. Ich vermisse meine Eltern aber wie am ersten Tag. Ich möchte ihnen noch so viel sagen.

Tom und Lisa lagen nun nebeneinander auf dem Rücken und sahen hinauf in die Baumkrone. Niemand sagte etwas. Ein leichter, warmer Wind strich durch die Blätter und verursachte ein leises Rauschen. Auch hier war die Sommerhitze deutlich zu spüren. Dennoch fühlte Lisa sich angenehm leicht. Dies war wirklich ein schöner Ort.

„Danke, dass du mir das erzählt hast“, sagte Lisa.

Tom antwortete nichts.

Sie beschlossen, den restlichen Tag unter der alten Linde zu verbringen, also radelten sie kurz zurück nach Hause und deckten sich mit Proviant, Getränken und einer Picknickdecke ein. Sie sagten auch noch Bescheid, dass sie zusammen unterwegs waren, damit sich niemand Sorgen machte und wimmelten Merle ab, die unbedingt mitkommen wollte, was Lisa leidtat, andererseits wollte sie sie nicht den ganzen Tag beaufsichtigen. Zum Glück kam ihr Mama zur Hilfe, die Merle das unwiderstehliche Angebot machte, das Planschbecken aufzubauen, womit Merles Anliegen gegenüber ihre großen Schwester schlagartig vom Tisch war.

Wieder oben auf dem Hügel angekommen breiteten Tom und Lisa die Decke aus und genossen den Schatten, die leichte Brise und den herrlichen Ausblick.

Es war schon dunkel, als die beiden wieder zuhause ankamen. Tom machte Anstalten, sich zu verabschieden, wirkte dabei jedoch recht unbeholfen.

„Ich muss gehen, ich habe noch etwas zu tun“, stotterte er nur.

Woraufhin Lisa sich umdrehte und auf ihre eigene Haustür zusteuerte.

„Klingt geheimnisvoll“, rief sie ihm noch zu, „mach‘s gut, bis morgen.“

Drinnen gab sie ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange, so dass sie ihr verwundert hinterherblickte und steuerte danach gleich Bad und Bett an.

Lisa stand auf der Lichtung. Schnee fiel wirbelnd vom Himmel und bildete eine glitzernde Decke auf dem Boden, die immer wieder vom Wind aufgewirbelt wurde, um im nächsten Augenblick erneut zu Boden zu gleiten. Am Himmel zogen gewaltige, hoch aufgetürmte Wolken dahin. Die Blätter der voll belaubten Bäume rauschten im Wind. Lisas Vater stand auf der anderen Seite am Waldrand, hob in aller Ruhe eine Handvoll Schnee auf und formte daraus einen Ball. Dabei sah er lächelnd zu Lisa herüber. Sie schaute ihm in die Augen und sah ein Aufblitzen. Als der Schneeball auf sie zuflog, wich sie mühelos aus und lächelte zurück. Ihr Vater nickte.

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