Licht

Tag eins

Lisa wachte davon auf, dass unter ihr, aus der Küche, ein fürchterlicher Lärm zu hören war. Jannik und Merle, ihre kleinen Geschwister, kreischten und lachten, Mama sang und das Lied aus dem Radio schien nicht so recht zu dem passen zu wollen, was aus ihrem Mund kam. Dazu war noch das Quietschen von Möbeln auf dem Steinboden zu hören. Die Sonne schien hell in Lisas Zimmer.

Der Wecker schaute immer noch schmollend in die andere Richtung. Lisa drehte ihn um und schaute aufs Zifferblatt. Es war schon halb Elf. Lisa zog die Bettdecke noch einmal hoch und lauschte auf den Lärm von unten. Das Leben ging weiter, im Augenblick ohne sie.

Nun dachte sie über die letzte Nacht nach. Der Traum von Papas Beerdigung verfolgte sie nun schon seit Wochen, aber was war mit den Erlebnissen im Wald? War das wirklich geschehen oder war es auch nur ein, zugegebenermaßen sehr real wirkender Traum gewesen? Sie zog die Decke noch ein wenig höher und blickte auf ihre Füße, die jetzt am unteren Ende des Bettes zum Vorschein kamen. Sie sahen ziemlich schmutzig aus, obwohl Lisa am letzten Abend erst geduscht hatte. Schnell schlug sie die Bettdecke zurück und starrte auf ihren rechten Unterarm. Sie brauchte nicht lange zu suchen. Gut sichtbar prangten dort vier fast parallele rote Striemen.

Lisa schlüpfte aus dem Bett, schnappte sich ihr Badetuch vom Haken an der Tür und huschte hinüber ins Badezimmer. Auch hier war die Rangelei aus der Küche, inklusive Mamas mehr oder minder passendem Soundtrack, deutlich zu hören. Lisa sprang unter die Dusche, wusch sich mit dem frisch duftenden Zitronenduschgel und schrubbte anschließend ihre grauen Füße sauber. Danach schlang sie sich das Badetuch um den Körper und ging wieder in ihr Zimmer. Sie zog die Kleidung, eine kurze Hose und ein luftiges T-Shirt, an, die sie sich schon am Abend vorher auf den Hocker am Fenster gelegt hatte und stand wenig später auf halber Treppe und sah durch die halb geöffnete Tür auf das Treiben in der Küche.

Merle und Jannik jagten sich gegenseitig um den Küchentisch und zogen dem jeweils anderen dabei immer die Stühle in den Weg. Augenscheinlich hatten sie einen Riesenspaß dabei, denn sie lachten, kreischten und prusteten. Mama stand davon unbeeindruckt am hinteren Ende der Küche an der Arbeitsplatte und putzte irgendwelches Obst. Sie hatte inzwischen aufgehört zu singen, summte aber immer noch leise, während der Mann im Radio irgendetwas von Hitzerekorden und dem heißesten Tag des Jahres sprach. Gerade gratulierte er den Schülern zum ersten Ferientag, die am heutigen Montag offiziell begannen, als Mama sich umdrehte und Lisa geradewegs in die Augen sah.

Das Lächeln verschwand langsam aus Mamas Gesicht. Ob sie wohl ahnte, was Lisa gerade fühlte? Natürlich freute sich Lisa darüber, dass ihre Geschwister in der Lage waren, so unbeschwert zu toben und auch, dass ihre Mama scheinbar zwischendurch vergessen konnte, was erst vor wenigen Wochen geschehen war, doch sie selbst konnte es nicht. Dies war nicht mehr ihr Leben, das neue Leben, das erst vor kurzer Zeit so hoffnungsvoll begonnen hatte, um dann wenig später abrupt zerstört zu werden.

Lisa nahm mit zwei Schritten schnell die letzten Stufen und wischte durch die Haustür nach draußen. Dort setzte sie sich auf die oberste Stufe der Haustreppe. Sie hasste sich dafür, dass sie Mama und den Kleinen nicht dieses kleine Stückchen Unbeschwertheit gönnte. Aber wie konnten sie so fröhlich sein? Lisa empfand es einfach als Verrat.

Gerade öffnete sich am Nachbarhaus die Tür und Tom kam heraus. Er stieg auf sein Fahrrad und radelte den Hügel hinab in Richtung Dorf. Der Nachbarsjunge musste ungefähr in Lisas Alter sein und er ging auch auf dieselbe Schule. Sie fuhren sogar mit demselben Bus, hatten bisher aber noch kein Wort miteinander gewechselt. Lisa wusste nur, dass Tom nebenan mit seinen Großeltern zusammenlebte. Sie war froh, dass er sie nicht bemerkt hatte, denn es wäre ihr doch unangenehm gewesen, wenn er gesehen hätte, dass sie weinte. Ihr Blick glitt hinüber zum Wald.

„Na Langschläferin, willst du nicht frühstücken kommen? Ich habe alles für Müsli vorbereitet“ sagte Lisas Mutter, die nun hinter ihr stand.

 „Na klar“ antwortete Lisa und wischte unauffällig die Tränen an ihrem T-Shirt ab.

Sie schluckte den Klos in ihrem Hals herunter, versuchte noch einmal auszuatmen, was ihr nur mühsam gelang und folgte dann ihrer Mutter in die Küche. Am Tisch saßen bereits ihre beiden Geschwister vor ihren Müslischalen und warteten. Merle baumelte auf dem viel zu großen Stuhl mit den Beinen.

„Hast du geweint? Warum?“ fragte Merle gleich als Lisa die Küche betrat.

„Lass sie mal in Ruhe Merle“ sagte Mama.

Merle öffnete den Mund. „Merle!“ mahnte Mama nur.

Merle klappte den Mund wieder zu, legte den Kopf schief und sah Lisa durchdringend an, sagte jedoch nichts. Sie beobachtete Lisa die ganze Zeit aufmerksam, während Mama das vorbereitete Obst, Haferflocken und Cornflakes auf den Tisch stellte. Als sie noch Milch und Joghurt aus dem Kühlschrank holte und sich schließlich dazu setzte, blickte Lisa kurz zu Merle herüber und sagte „Ich erkläre es dir später.“ Dann senkte sie den Blick schnell wieder in ihre Müslischale, um nicht doch noch vor allen in Tränen auszubrechen.

Merle, der die Antwort offenbar ausreichte, machte sich sogleich über das frische Obst her, schüttete Haferflocken, eine ordentliche Portion Cornflakes und Milch dazu und komplettierte ihre Komposition schließlich mit einem ganzen Becher Naturjoghurt, der mit einem kräftigen Klatsch ganz oben auf dem Frühstücksberg landete. Die Milch schwappte auf allen Seiten aus der Schüssel.

„Oh“, sagte Merle.

Lisa musste unweigerlich lachen. Jannik schaute kurz zur Seite und kommentierte „na toll!“ Dann widmete er sich wieder seinem eigenen Frühstück.

Wortlos stand Lisa auf und holte einen Spüllappen, wischte den Tisch und Merles Schüssel sauber, wuschelte ihr über den Kopf und wusch den Lappen an der Spüle aus. Sie spürte, wie sie von zwei kleinen Armen von hinten umschlungen wurde. „Danke. Ich hab‘ dich lieb“ sagte Merle.

Lisa drehte sich um und nahm ihre Schwester auf den Arm. „Ich dich auch, ganz doll“ sagte sie und wurde dann noch einmal mit aller Kinderkraft gedrückt. Schon wieder kämpfte sie mit den Tränen. Ihr und Mamas Blick trafen sich für den Bruchteil einer Sekunde und Lisa war augenblicklich klar, dass ihre Mutter wusste, was in ihr vorging.

Hand in Hand gingen die beiden Schwestern zurück zum Tisch und frühstückten zu Ende. Lisa ließ verstohlen den Blick schweifen, sorgsam darauf bedacht, nicht wieder direkt in die Augen ihrer Mutter zu sehen. Eigentlich war es richtig schön, ging es ihr durch den Kopf, wenn nicht… Lisa erlaubte sich nicht weiter zu denken. Es war schön. Sie hatte Mama, Jannik und Merle.

„Geht spielen, genießt euren ersten Ferientag“ sagte Mama „die Küche mache ich“.

Jannik und Merle rannten los, um ihre Forscherutensilien zu holen. Sie wollten neue Tierarten rund um das Haus entdecken.

Lisa entschloss sich noch einmal zu der Lichtung im Wald zurückzukehren. Gegen Mittag machte sie sich auf den Weg. Im Hinausgehen grüßte sie Tom, der vor dem Nachbarhaus an seinem Fahrrad kniete und irgendetwas am Hinterrad reparierte. Dann schlug Lisa denselben Weg quer über die wilde Wiese ein, den sie auch in der letzten Nacht genommen hatte. Deutlich konnte man die Spuren erkennen, wo das halbhohe Gras von Schritten niedergedrückt war. Als lange Bahnen führten sie bis zum Wald hinüber, und auch die Spuren, dort wo sie auf dem Rückweg wieder herausgekommen waren, konnte man von hieraus sehen.

Der Mann im Radio hatte Recht behalten, inzwischen war es drückend heiß geworden und die Blumen und Wildkräuter auf der Wiese verströmten ihren schweren sommerlichen Duft. Lisa überlegte kurz, ob sie noch einmal umkehren und eine Flasche Wasser aus dem Haus mitnehmen sollte, sagte sich dann aber, dass es im Wald sicherlich erträglicher sein würde. Also ging sie weiter. Sie trug noch immer die kurze Hose vom Vormittag und hatte ihre Sandalen angezogen. Jetzt spürte sie, wie die Gräser an ihren Beinen entlang streiften. Einen Grashüpfer, der sich auf ihrem Oberschenkel niederlassen wollte, wischte sie mit einer kurzen Handbewegung weg.

Am Waldrand angekommen, sah sie noch einmal zurück. Die Spuren führten genau auf die Stelle zu, an der sie jetzt stand. Sie konnte allerdings nicht sofort erkennen, in welche Richtung sie in der Nacht weitergegangen war. Eine Weile musste Lisa suchen, bis sie den Pfad fand, der weiter in den Wald hineinführte. Sie folgte ihm bis zu dem Stachelgebüsch. Jetzt bei Tage konnte man von hier aus sogar die zwei Häuser jenseits der Landstraße erkennen. Lisa ging weiter. Hier war es tatsächlich ein paar Grad kühler und ein leichter Wind wehte durch den lichten Wald. Die Sonne funkelte durch das Blätterdach und warf wechselnde Muster aus Licht auf den bemoosten Waldboden. Nur gelegentlich wuchs hier und da etwas Unterholz, insgesamt wirkte das Wäldchen aber hell und einladend.

Als Lisa über den umgestürzten Baum stieg, der den Weg versperrte, war sie sicher, dass sie sich auf dem richtigen Pfad befand. Ein Stück weiter sah sie auch schon den weißen Felsen.

Die Waldlichtung lag heiß und schwer vor Lisa. An ihrem Rand wuchs Adlerfarn in dicken Büscheln. Lisa trat in die gleißend helle Mittagssonne hinaus, wunderte sich jedoch, dass es nicht so heiß war, wie sie erwartet hatte, denn auch hier wehte der kühlende Wind, der den Weg durch den Wald so angenehm gemacht hatte. Schnell ging Lisa zu der Stelle hinüber, wo vor wenigen Stunden noch das unbekannte Mädchen leblos im Gras gelegen hatte. Wäre nicht die Mulde aus flachgedrückten Halmen zu Lisas Füßen gewesen, hätte man annehmen können, niemand hätte die Lichtung in letzter Zeit betreten. Lisa suchte nach weiteren Spuren, die die Anwesenheit der Menschen in der Nacht erklären konnten. Sie fand etwas Glitzerndes. Als sie sich bückte erkannte sie, dass es ein kleines Medaillon an einem feinen Silberkettchen war. Lisa hob es auf und steckte es in ihre Hosentasche. Nachdem sie auch den Rest der Lichtung gründlich untersucht hatte, ohne aber Hinweise zu finden, die sie irgendwie weiterbringen konnten, verließ Lisa das Waldstück und kehrte nach Hause zurück.

Der Rest des Tages verging weitgehend ereignislos. Die drückende Hitze lähmte sämtliches Leben im Haus. Selbst Jannik und Merle hatten ihre Forschertätigkeit längst aufgegeben. Sie zogen sich in ihre Zimmer im oberen Stock zurück und beschäftigten sich dort still mit irgendetwas. Mama verkroch sich mit einem eisgekühlten Getränk und einem Buch in den Schatten hinter dem Haus. Den gesamten restlichen Nachmittag stand sie nur von ihrer Gartenliege auf, um sich in der Küche mit Nachschub zu versorgen. Lisa selbst warf sich direkt nach ihrer Rückkehr auf ihr Bett, um etwas von ihrem verpassten Nachtschlaf nachzuholen.

Sie musste Turtle finden. Wo war er denn bloß? Er stand doch immer vorm Kino. Fuck, das Kino machte erst nachmittags auf. Warum sollte er dann vor dem Kino stehen. Sinnfrei. Sie musste ihn finden. Vielleicht am Bahnhof? Oder pennte der Sack noch? Dann war es aussichtslos. keine Ahnung, wo er wohnte. Hatte der überhaupt ’ne Wohnung? Fuck, fuck, fuck, sie musste ihn finden.

Vorhin war sie aufgewacht und war wieder so dreckig. Alles war dreckig. Sie erinnerte sich noch, dass Skinny sie gestern Nacht aufgegabelt und mit zu sich genommen hatte. Echt geil von ihm, weil er eigentlich nicht einfach einen mit ins Wohnprojekt mitbringen durfte. Er riskierte ’nen Rausschmiss für sie, wenn die Sozialheinis das merkten. Deshalb wollte sie sich heute Morgen ganz früh rausschleichen. Aber als sie aufgewacht war, war sie so dreckig. Sie war unter die Dusche gestiegen. Skinny pennte noch. Skinny war echt geil, hatte sie nie angerührt. Wenn’s Trouble gab, Skinny war da. Ohne zu fragen. Skinny wusste selbst, was Scheiße war, da gab’s nichts zu fragen.

Noch nicht lange her, da hatte er gefragt, ob sie sich nicht auch in dem Wohnprojekt bewerben wollte. Die Sozialfuzzis und Psychos wären gar nicht so schlimm und sie hätten ihm auch geholfen. Aber das war nichts für sie. Die wollten sie doch nur in so ’nem Haus wohnen haben, um sie zu kontrollieren. Und dann den ganzen Tag reden. No way! Die wollten nur Geld mit ihr verdienen. Glauben würde ihr eh keiner.

Es gab sowieso nur einen, der ihr glaubte, Skinny. Okay, da war auch mal dieser Typ, hatte sie in der Fußgängerzone beim Schnorren angequatscht. Alter Knacker, hatte sie gedacht, der will dich bestimmt nur ficken. Sie war trotzdem mitgegangen. ‚Nen heißer Kaffee im Bistro konnte nicht schaden, war arschkalt an dem Tag. Und verpissen konnte sie sich hinterher immer noch, kein Risiko.

Er hatte ihr erklärt, dass er sie gesucht hatte, woher er das von ihr wusste, dass er Journalist sei, worüber er gerade schrieb und, dass er ihr glaubte. Keinen Schimmer warum, aber sie hatte ihm dann alles erzählt. Alles. Aus dem Kaffee wurden vier, ’nen Burger und Pommes und er hatte die ganze Zeit nur dagesessen und zugehört. Zum Schluss hatte er gesagt, dass ihm ehrlich Leid tat, was ihr passiert war und dass er sie, wenn sie es wollte, unterstützen könnte Hilfe zu bekommen. Sie hatte ihm geglaubt, hatte ihm sogar erlaubt, über sie zu schreiben. Sollten die Leute doch hören, was für ‘n Scheiß in der Welt passiert.

Zwei Monate später hatte sie ihm ihr Päckchen geschickt. Und dann? Funkstille. Verarsche.

Der Dreck war nach dem Duschen immer noch da. Schlimmer sogar. Sie stank nach Dreck, überall. Also war sie abgehauen. Fuck, fuck, fuck, fuck, wo war Turtle?

Schließlich fand sie ihn. Am Einkaufszentrum natürlich. Logisch. Er hatte was für sie, bei den Containern, nicht am Eingang. Turtle war immer vorsichtig. Super Zeug sagte er, nur für die besten Stammkunden, neue Lieferung. Sie lief nur bis zu dem kleinen Park um die Ecke. Keine Zeit. Sie musste den Dreck loswerden, schnell. Komisch, hierhin war sie als Kind immer geflohen, genau auf diese Bank. Es war schön hier. Die Sonne wärmte. Die Sträucher und Bäume waren so strahlend grün. Maigrün. Der Dreck ließ nach. Sie spürte ihn immer weniger. Er war schon fast verschwunden. Maigrün.

Als Mama sie zum Abendessen rief, war Lisa wie gerädert. Sie biss lustlos in einen Apfel und selbst das Gezanke ihrer Geschwister nahm sie nur am Rande wahr. Irgendwann wurde es ihrer Mutter zu bunt und sie schickte die beiden auf ihre Zimmer.

Lisa setzte sich auf die Haustreppe und ließ den Blick über den Vorgarten gleiten.  Sie hatte kaum die Kraft die Augen offen zu halten, wollte aber keinesfalls zurück ins Bett. Inzwischen hatte die größte Hitze nachgelassen. Alles blühte und die Insekten schwirrten bei ihrem letzten Abendflug kreuz und quer durch den bunten Bauerngarten. Gerade bohrte sich eine Hummel mit einem lauten Brummen in eine Blüte der Stockrosen, die Lisa selbst im Frühjahr entlang des Weges zum Haus an der Gartenmauer ausgesät hatte. Jetzt blühten sie prächtig in allen Rot- und Rosatönen. Es gab sogar eine Sorte, die fast schwarz war.

Lisa liebte ihre Stockrosen. Schon immer war sie von der Natur fasziniert gewesen, hatte sich im alten Haus in der Stadt immer um den winzigen Garten gekümmert. Sie liebte Bäume, die tausend unterschiedlichen Grüntöne der Pflanzen und auch das Gekrieche und Gewimmel, das darin lebte.

Als sie vor fast genau fünf Jahren, zu ihrem zehnten Geburtstag eine Kamera von ihren Eltern geschenkt bekommen hatte, hatte sie zuerst nur Blumen, Blätter und Kleingetier fotografiert. Stets war sie ganz nah heran gegangen, hatte Bienen bei der Arbeit festgehalten und Schnecken formatfüllend abgelichtet. Sie hatte sich für alle Details interessiert und wollte die Zusammenhänge durchschauen. Die Kamera hatte ihr die Möglichkeit gegeben, vollkommen in diese Welt einzutauchen und sie zu begreifen. Wenn sie abends die Ergebnisse ihrer Jagd auf den Computer kopierte, war die Speicherkarte stets gut gefüllt und sie konnte sich kaum von einem der Bilder trennen. Nicht einen Eindruck dieser tausend Wunder wollte Lisa vergessen und mit der Kamera hatte sie die Hoffnung, sie alle in ihrer Erinnerung zu konservieren.

Als Papa Ende letzten Jahres verkündet hatte, dass sie umziehen würden, war es für Lisa zuerst ein Schock gewesen und sie hatte das Gefühl gehabt, ihre Welt mit einem Schlag zu verlieren. Sie war anschließend gleich in den Garten gelaufen und hatte von jeder Sorte der im Winter trocken dastehenden Stockrosen einige Samenkapseln eingesammelt, um sie am neuen Haus aussäen zu können. Papa hatte erzählt, dass sie in ein wunderschönes Backsteinhaus auf dem Land ziehen würden, dass Mama und er es sich schon angesehen hatten. Das Haus, sagte Papa, liege, nur mit einem Nachbarhaus zusammen, auf einem Hügel, mitten im Grünen, umgeben von Wäldern und Wiesen. Er meinte, Mama und Papa hätten es sich genau überlegt und dass es die richtige Entscheidung für die Familie wäre.

Alles war schon geplant gewesen. Der Umzug sollte in den Osterferien stattfinden, da das Haus gerade noch von Grund auf renoviert wurde. Sogar ihre neue Schule hatten ihre Eltern schon ausgesucht. Lisa war sauer darüber gewesen, dass sie sie gar nicht in die Entscheidung einbezogen hatten.

Innerlich war Lisa in den folgenden Wochen zerrissen gewesen, einerseits freute sie sich auf ein Leben in der Natur, war erleichtert, dass sie ihren Garten nicht ganz verlieren würde. Papa hatte erzählt, es gäbe an dem neuen Haus einen großen, zurzeit verwilderten Vorgarten, der Lisa ganz allein gehören sollte. Ihr Reich würde demnach nicht verschwinden, sondern nur umziehen und sich sogar noch vergrößern. Sie allein sollte entscheiden, was darin wachsen würde. Also könnte sie endlich einen Bauerngarten anlegen, so wie sie es sich immer erträumt hatte.

Andererseits fiel es ihr schwer, ihre Freunde und die Vorzüge eines Lebens in der Stadt zurückzulassen. Sie war immer allein mit dem Bus gefahren, um sich mit ihrer besten Freundin zu treffen. Gemeinsam waren sie in der Innenstadt Eis essen gegangen, ins Kino, oder einfach nur redend durch die Fußgängerzone gezogen und hatten ihre Freiheit genossen.

Hier gab es überhaupt nur einen Bus. Er hielt unten im Dorf und brachte die Berufspendler morgens früh in die nächste Stadt und am späten Nachmittag wieder zurück. Er war nie besonders voll, da er nur von wenigen Menschen genutzt wurde.  Genauer gesagt verbesserte Lisa die Nutzungsstatistik der Linie um fünfundzwanzig Prozent, seit sie mit dem Bus zur Schule fuhr.

Wieder tauchte eine Hummel brummend in eine der Stockrosen ein. Merle kam aus der Haustür, setzte sich neben Lisa und rutschte näher heran, bis sie sie gerade eben berührte. Lisa spürte Merles weichen, warmen Kinderarm. Beide schauten geradeaus in den Vorgarten.

„Papa kommt nie wieder“ sagte Merle. „Ich habe Papa immer noch lieb, auch wenn er weg ist“. Sie legte ihren Kopf an Lisas Schulter. „Du warst traurig, weil Papa tot ist, heute Morgen, ich hab‘ das gesehen“ meinte Merle und nach einer kurzen Pause ergänzte sie, „Jeder muss sterben, du auch. Ich will aber nicht, dass du auch stirbst“.

Lisa legte ihren Arm um ihre kleine Schwester. „Ich sterbe noch nicht, keine Angst“ sagte sie. Als sie es ausgesprochen hatte, hätte sie den Satz am liebsten zurückgenommen. Woher sollte sie wissen, wann sie sterben würde. Papa wollte auch nicht sterben, Anfang Mai. Merle hatte Recht, er würde nicht wiederkommen. Aber was sollte Lisa ihrer Schwester sagen? Dass sie auch nicht wüsste, wann sie sterben würde? Dass man immer damit rechnen müsse, einen geliebten Menschen zu verlieren? Merle hatte doch ohnehin schon so große Angst. Oft hörte Lisa ihre Schwester abends in ihrem Bett im Nebenzimmer schluchzen.

„Ich vermisse Papa auch“ sagte sie nur.

Merle legte ihren Kopf auf Lisas Schoß. Lisa streichelte ihr den Rücken, bis sie an den langen gleichmäßigen Atemzügen erkannte, dass Merle eingeschlafen war. Das Haus warf einen langen Schatten über den Vorgarten. Lisa nahm ihre Schwester so vorsichtig wie es ging mit beiden Armen hoch und trug sie bis auf ihr Bett im ersten Stock. Es war keine leichte Arbeit, Merle war ganz schön gewachsen. Im nächsten Monat würde sie fünf werden. Einer der drei traurigen Geburtstage, die sie in diesem Jahr noch zu feiern hatten. Ihr eigener war der Nächste. Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter, deckte Merle zu und strich ihr sanft die Haare aus dem Gesicht.

„Danke“ flüsterte Lisa ihr noch ins Ohr, schloss leise die Zimmertür hinter sich und ging in die Küche hinunter. Sie setzte sich an den Küchentisch zu ihrer Mutter und Jannik, die gerade gewaschene Socken sortierten und half ihnen.

„Na, habt ihr euch wieder beruhigt?“ sagte Lisa und wuschelte ihrem jüngeren Bruder durch die Haare.

„Zum Glück“, antwortete ihre Mama für Jannis. Lisa erzählte, dass sie die todmüde Merle schon ins Bett gebracht hatte und Mama meinte, dass sie wohl heute mal aufs Zähneputzen verzichten könnte.

„Was sollen wir denn in diesen Ferien zusammen unternehmen?“ fragte Mama, „habt ihr irgendwelche Wünsche?“

Jannik hatte einige Wünsche. Sie diskutierten noch lange darüber und beschlossen schließlich, nächste Woche Montag mit einem Ausflug zu den alten Seeräuberhöhlen an der Steilküste anzufangen, von denen Frau Peters, Janniks Grundschullehrerin, erzählt hatte. Bis dahin sollte jeder tun und lassen können, was er wollte, so verlangte es die Familientradition für die erste Woche der Sommerferien. Als gegen Neun das Tageslicht immer mehr nachließ, waren sich die drei einig, heute zeitig ins Bett zu gehen und den nächsten Tag wieder mit einem gemeinsamen Frühstück zu beginnen.

Lisa ging durch den Wald. Von oben durch die kahlen Baumkronen fielen sanft und stetig kleine Schneeflocken, die vom leichten Wind zwischen den Bäumen hindurchgewirbelt wurden. Auf dem Waldboden hatte sich eine geschlossene, weiße Schneedecke gebildet, die leise knatschte, wenn Lisa barfuß hineintrat. Ansonsten war es absolut still. Lautlos glitten die Flocken zu Boden. Mühelos fand Lisa den Weg durch die Bäume. Hier war das Dornengestrüpp, dort der umgestürzte Baumstamm. Auf dem weißen Felsen hatte sich bereits eine dicke Schneehaube gebildet. Lisa schaute sich nicht um. Immer weiter ging sie in den Wald hinein. Sie spürte, wie die Schneeflocken ihr Gesicht berührten und allmählich darauf schmolzen. Seltsamerweise fror sie aber nicht, obwohl sie nur mit einem leichten Sommernachthemd bekleidet war. Der gesamte Wald war in ein beruhigendes, dämmriges Licht getaucht. Lisa war ganz ruhig. Als sie die Lichtung erreichte, sah sie ihren Vater auf der anderen Seite stehen. Merkwürdig, dachte Lisa, denn es wunderte sie überhaupt nicht. Er bückte sich und hob eine große Hand voll Schnee auf. In aller Ruhe formte er daraus einen Ball. Dann holte er aus. Der Schneeball traf Lisa mit voller Wucht auf der Brust. Für einen Augenblick blieb ihr die Luft weg. Ihr Vater lachte, es drang aber kein Laut zu ihr herüber. Lisa lachte auch. Sie nahm ebenfalls eine Hand voll Schnee vom Boden auf und warf zurück. Im letzten Augenblick wich ihr Vater dem Geschoss aus. Noch ehe sie reagieren konnte, hatte er eine weitere Ladung in der Hand. Diesmal traf er sie mitten ins Gesicht.

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