Licht

Tag zwei

Der nächste Morgen entpuppte sich als Déja Vu des vorherigen. Als Lisa aufwachte, war wieder die lautstarke Mischung aus Kinderkreischen, Radio und Gesang zu hören. Lisa sprang aus dem Bett, holte sich aus dem Schrank eine neue Garnitur Sommerkleidung und ging ins Bad. Die Hose und das T-Shirt von gestern, die sie vor dem Insbettgehen einfach vor ihrem Hocker fallen gelassen hatte steckte sie auf dem Weg unter die Dusche in den Wäschekorb.

Nach dem Frühstück ging Lisa in ihren Bauerngarten vor dem Haus. Sie band Stockrosen hoch, die auf den Weg zu kippen drohten, zupfte hier etwas Unkraut, pflanzte da ein paar Stecklinge, goss einen erst kürzlich umgesetzten Sonnenhut. Die Arbeit im Garten half ihr nachzudenken. Was hatten die Geschehnisse im Wald zu bedeuten und wie konnte sie mehr darüber herausfinden? War dieses merkwürdige Licht vielleicht schon früher einmal da gewesen? Und wenn ja, wer konnte ihr etwas darüber erzählen? Sie beschloss, später am Tag ins Dorf hinunterzufahren und unauffällig Erkundigungen einzuziehen.

Erst jetzt bemerkte Lisa, dass sie beobachtet wurde. Tom lehnte, auf beide Arme gestützt über der Gartenmauer und sah ihr zu. Lisa drehte sich zu ihm um und wischte sich mit dem Handrücken eine Strähne aus dem Gesicht, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte. Sie sah, wie sich ein Grinsen auf Toms Gesicht breit machte. Als Lisa seinen Gesichtsausdruck mit einem tödlichen Blick erwiderte, verschwand das Grinsen schlagartig.

„Du hast da Dreck im Gesicht“ sagte Tom.

Lisa wischte sich erneut mit dem Handrücken durch das Gesicht. Das Grinsen tauchte noch einmal kurz in Toms Gesicht auf, verschwand aber sofort wieder, als er das Aufblitzen in Lisas Augen sah.

„Jetzt hast du es auch auf der anderen Seite“ sagte Tom.

„Egal“ erwiderte Lisa, „was willst du?“. Sie war ärgerlich darüber, dass Tom sich über sie lustig machte.

„Ich wollte nur, äh, also ich meine, es sind doch jetzt Ferien und, äh“ stammelte Tom.

„Ach“, kommentierte Lisa.

„Also du bist doch auch allein hier und ich dachte, äh, wir könnten vielleicht was zusammen machen“ versuchte es Tom noch einmal. „Ich meine, du hast doch auch keine Freunde“ ergänzte er schnell.

Lisas Blick wurde wieder eisig.

„Oh scheiße“ nuschelte Tom zu sich selbst.

Lisa hatte die Hände in die Hüften gestützt und den Kopf leicht schief gelegt. Sie sah Tom direkt in die Augen. Tom versuchte ihrem Blick auszuweichen und wand sich vor Unbehagen. Offensichtlich wusste er nicht, wie er die Situation entschärfen sollte.

„Eigentlich wollte ich dich nur fragen, ob du ins Dorf mitkommst. Ich wollte mir bei Terry’s ein Eis kaufen“ sagte Tom, der seine Fassung wiedergefunden hatte. „Ich lade dich ein“ ergänzte er schnell.

Lisa kam der Vorschlag gerade recht. So konnte sie die alte Frau Kruger unverfänglich wegen des Lichts befragen. Frau Kruger hatte ihr vor ein paar Wochen ungefragt große Teile ihrer Lebensgeschichte erzählt und daher wusste sie, dass sie schon seit ihrer Kindheit hier lebte und vor ungefähr fünfzig Jahren den Gemischtwarenladen von ihren Eltern übernommen hatte. Frau Kruger war ziemlich geschwätzig und Lisa ging davon aus, dass es leicht sein würde, einiges aus ihr heraus zu bekommen, wenn Frau Kruger etwas über das Licht wüsste.

Tom wurde wieder nervös und begann von einem Fuß auf den anderen zu wechseln.

„Ok“ sagte Lisa „ich wasche mich nur kurz“. Sie stellte die Werkzeuge und die Gießkanne an die Gartenmauer und verschwand ins Haus. Oben im Bad wusch sie sich zuerst die Hände. Als ihr Blick in den Spiegel glitt, entfuhr ihr ein „oh Gott“. Jetzt konnte sie Tom verstehen. Ihr gesamtes Gesicht war mit Erde verschmiert. Sie merkte, wie sie unter der graubraunen Schicht rot wurde.

Als Lisa wenig später mit ihrem Fahrrad wieder vor Tom auf der Landstraße stand versuchte sie sich nichts anmerken zu lassen. Tom zeigte nur kurz auf Lisas Gesicht und sagte „besser“.

Dann stiegen sie auf ihre Räder und fuhren ins Dorf hinunter.

Frau Kruger war gerade dabei, die Werbeschilder und zwei Ständer, einen mit Hüten und einen mit Sonnenbrillen, vor den Laden zu stellen, als Lisa und Tom mit blockierenden Reifen ihre Fahrräder im Rollsplitt auf dem Vorplatz zum Stehen brachten.

„Guten Morgen Frau Kruger“ sagten Lisa und Tom beinahe gleichzeitig.

„Guten Morgen Kinder“ erwiderte Frau Kruger, „das wird wieder ein heißer Tag heute“. Sie deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung Himmel. „zum Glück hat der Mechaniker die Kühltruhe gleich repariert gekriegt“ ergänzte sie.

Kurze Zeit später waren Tom und Lisa auf dem neusten Stand, was die Ausstattung des Ladens, das Alter der Einrichtung und die Macken dieses Kühlschranks und jener Truhe anging. Sie wussten, dass die alte Registrierkasse einmal für ein ganzes Wochenende die Einnahmen nicht hergeben wollte und dass der Dackel einer Touristin, die einmal mit dem Auto im Ort liegengeblieben war, direkt vor den Tresen gekotzt hatte, so dass sie das schwere Möbel abräumen und aus dem Weg rücken mussten, um die übelriechenden Reste, die darunter gelaufen waren, beseitigen zu können. Lisa hatte bisher keine Gelegenheit gehabt, Frau Kruger auch nur eine einzige Frage zu stellen.

Jetzt saß sie mit Tom auf der Kante der Veranda vor dem Laden und aß ihr Eis, das, so wusste sie jetzt, erst heute Morgen geliefert worden war, da Frau Kruger den gesamten Inhalt der Gefriertruhe hatte wegwerfen müssen. Den Defekt hatte sie erst bemerkt, als die Ware sich schon gänzlich verflüssigt hatte.

„Findest du mich eigentlich sehr peinlich?“ fragte Tom.

„Wie kommst du denn darauf?“ fragte Lisa erstaunt.

„Na ja, ihr wohnt jetzt schon über drei Monate hier, wir sind direkte Nachbarn, wir haben denselben Schulweg, nehmen denselben Bus, gehen auf dieselbe Schule, und du hast mich die ganze Zeit ignoriert“ meinte Tom. „Ich habe mich überhaupt nicht getraut, dich anzusprechen, so finster hast du immer geguckt“.

„Ich hatte meine Gründe“ meinte Lisa nur.

„Habe ich denn irgendwas gemacht?“ fragte Tom. Er sah Lisa jetzt von der Seite an.

„Das meine ich doch gar nicht“ sagte Lisa. „Ich meine das mit meinem Vater“. Sie sah zu Tom herüber, der aufhörte an seinem Eis zu lecken und ihr in die Augen sah.

„Ja ich weiß“ sagte Tom, „ich habe dich gestern mit deiner Schwester gehört, auf der Haustreppe. Ich wollte nicht lauschen, aber ich musste noch was an meiner Gangschaltung reparieren“ rechtfertigte er sich.

„Schon gut“ sagte Lisa.

„Ich war ein bisschen neidisch“ sagte Tom und schaute auf seine Schuhspitzen.

„Wieso?“ fragte Lisa.

„Weil ihr euch habt“ erwiderte Tom. Nach einer kurzen Pause schaute er Lisa wieder an. „Du weißt gar nicht, warum ich bei meinen Großeltern lebe, oder? Ich habe es noch nie jemandem erzählt, und es traut sich nie jemand, mich darauf anzusprechen. Geht es dir nicht genauso?“

„Ja, du hast Recht. Alle versuchen nur immer einen aufzumuntern“ sagte Lisa. Sie schaute Tom wieder direkt an. „Und warum lebst du bei deinen Großeltern? Ich habe gehört, dass deine Eltern tot sind, stimmt das?“

„Ich war ungefähr so alt wie deine kleine Schwester“ begann Tom, „Merle heißt sie, richtig?“

Lisa nickte.

„Meine Eltern waren auf einer Geschäftsreise in Amerika. Mein Papa hat meine Mama mitgenommen. Er dachte wohl, es wäre eine einzigartige Gelegenheit. Er wollte ihr New York und die Ostküste zeigen, sagt meine Oma. Ich habe in der Zeit Ferien, hier bei Oma und Opa gemacht.“ Tom schluckte. „Ich habe sie nie wiedergesehen. Auf dem Rückflug ist das Flugzeug über dem Atlantik abgestürzt. Sie haben sie nie gefunden.“

Jetzt wagte Lisa nicht mehr zu Tom hinüberzusehen. Sie bemühte sich, geradeaus zu schauen. Am liebsten hätte sie Tom in den Arm genommen. Sie kannte dieses Gefühl.

„Ich habe mich auch monatelang in den Schlaf geweint, wie deine Schwester. Ich höre sie manchmal, wenn ihr Fenster abends auf ist. Ich kann sie gut verstehen“ sagte Tom. Er atmete hörbar aus. Dann schwiegen beide. Nach einer Weile fragte Tom „mein Opa sagt, dein Vater ist mit dem Motorrad verunglückt?“

„Ich erzähle es dir später einmal, nicht jetzt“ sagte Lisa. „Ich muss noch mal rein, Frau Kruger was fragen.“ Sie sprang auf die Füße, warf den Eisstiel im Vorbeigehen in den Mülleimer und steuerte auf die Ladenbesitzerin zu.

Tom kam hinterher und lehnte sich an den Türrahmen.

„Ich hätte gerne noch eine gemischte Tüte für zwei Naschkatzen zuhause“ sagte Lisa und legte eine Münze auf den Tresen. „Was ist eigentlich mit dem Wald oben auf dem Hügel?“ Frau Kruger hatte gerade begonnen, eine der Papiertüten mit Weingummi aus verschiedenen, großen Gläsern an der Wand hinter dem Tresen zu füllen. Ihre Bewegung stockte. „Wieso?“ fragte sie, ohne sich umzudrehen.

„Ist ihnen nie etwas dort oben aufgefallen?“ hakte Lisa nach. Sie versuchte ihrer Frage einen beiläufigen Ton zu geben. „Oder hat jemand aus dem Ort mal etwas bemerkt? Hat mal jemand was erwähnt? Sie kommen doch mit den Leuten aus dem Ort ins Gespräch, könnte doch sein, dass mal einer was Interessantes erzählt hat.“

Frau Kruger ließ die Zange in das Glas fallen und drehte sich langsam um. „Mir hat nie einer was erzählt. Da war auch nie was“ sagte sie ungewöhnlich wortkarg. Dann gab sie ihr die Tüte, tippte den Betrag in die alte Kasse, was diese mit einem Klingeln quittierte und warf die Münze in die Kassenschublade. „Am besten ihr geht jetzt, ich muss noch das Lager aufräumen“. Sie kam um den Tresen herum und schob Lisa zur Tür.

Toms und Lisas Blicke trafen sich, beide gingen zu ihren Fahrrädern, Lisa klemmte die Papiertüte auf den Gepäckträger, sie stiegen auf und fuhren los. Als Lisa sich noch einmal umsah, stand Frau Kruger noch immer reglos im Ladeneingang.

Auf dem Hügel angekommen brachten Tom und Lisa zuerst ihre Räder weg. Als Lisa wieder aus der Garage kam, wartete Tom schon auf sie.

„Ich habe etwas gesehen“ sagte er, „schon mehrmals, immer nachts, so ein komisches Licht. Ich habe meine Oma mal danach gefragt. Sie sagte, in dem Wald würde gelegentlich eine Firma arbeiten, irgendetwas Gefährliches, sie wüsste nichts Genaues. Dann hat sie mir noch verboten, in den Wald zu gehen. Das sei zu riskant. Ich fand das zwar ein bisschen merkwürdig, hab mir aber nichts weiter dabei gedacht.“ Er sah Lisa an. „Was ist denn mit dem Wald? Du warst gestern da, stimmt’s?“ Gestern Mittag, ich habe dich gesehen.“

„Da arbeitet keine Firma. Das ist was ganz anderes. Ich war in der Nacht davor auch im Wald, als das Licht da war. Ach scheiße, wenn ich dir das erzähle, hältst du mich für ganz bescheuert“ sagte Lisa.

„Jetzt erzähl schon, ist doch egal“ meinte Tom.

„Aber nicht hier“ erwiderte Lisa, „muss ja nicht jeder mitkriegen“. Sie deutete zu Jannik hinüber, der gerade aus dem Haus kam.

„Ich weiß schon wo“ sagte Tom „hol dein Fahrrad wieder raus“.

„Jannik komm mal, für dich und Merle“, rief Lisa. Sie gab ihm die Weingummitüte „Und teilen! Ich frag‘ nach!“ ermahnte sie ihren Bruder.

Der versenkte mit einem zufriedenen Gesicht seine Hand in den Süßigkeiten.

Zehn Minuten später saßen Tom und Lisa ungefähr einen Kilometer entfernt unter einer Linde, die allein auf einer Anhöhe stand. Von hieraus hatte man einen herrlichen Blick auf die umliegende Landschaft. Die beiden Häuser auf dem Hügel und der Wald, der sich von dort aus den leichten Abhang zur Rechten hinab zog, lagen im hellen Sonnenlicht, so dass die weiß getünchten Wände und die roten Tonziegeldächer leuchteten. Der Großteil des Dorfes war durch den Hügel verdeckt. Nur ein paar Häuser am jenseitigen Ortsrand waren zu erkennen, darunter der Kindergarten, in den Merle ging. Jetzt waren auch dort Sommerferien und er stand leer. Ein Funkeln war zu sehen. Das musste wohl die Metallrutsche sein, die Lisas kleine Schwester so liebte. Weiter vorne war gerade noch die Spitze des Glockentürmchens zu erkennen, das oben auf dem Dach der Grundschule thronte. Ein Stück weiter stand die kleine Dorfkirche. Ungefähr dort befand sich der Ortskern. Lisas Blick glitt wieder über den Wald zurück in Richtung Süden, wo am Horizont, durch den Dunst der aufsteigenden Sommerhitze, das Glitzern des Meeres zu erahnen war.

Eine schwache Brise strich durch das Blätterdach der Linde. Lisa genoss die Erfrischung, schloss die Augen und atmete den Duft der umliegenden Wiesen ein. Es war schön hier. Selbst die Mittagshitze wäre hier sicherlich gut auszuhalten. Im Radio waren für heute wieder über dreißig Grad angesagt worden. Lisa schloss die Augen noch einmal und sog erneut den wohligen Geruch ein.

Dann viel ihr wieder ein, warum sie hergekommen waren. Sie drehte sich zu Tom, der sie auf der Seite liegend, auf einen Ellenbogen gestützt beobachtete. Ein feines, spöttisches Lächeln umspielte seine Lippen. Offenbar bereitete es ihm ein diebisches Vergnügen, dass Lisa ihn in den letzten Minuten völlig vergessen hatte.

„Na, wieder da?“ fragte er.

„Dir macht es wohl Spaß dich über mich lustig zu machen!“ antwortete Lisa.

„Du machst es mir so leicht“ sagte Tom. „Aber wo du gerade wieder ansprechbar bist, könntest du mir doch endlich erzählen, was da in dem Wald ist“.

„Ok“ sagte Lisa und begann zu berichten, was sie in der vorletzten Nacht erlebt hatte. Sie erzählte von dem Licht, der eigenartigen Kälte, den Menschen auf der Lichtung. Sie schilderte das Erlebte in allen Einzelheiten.

Als Lisa fertig war fragte Tom „Und du bist sicher, dass…“.

„…ich das alles nicht nur geträumt habe?“ beendete Lisa den Satz. „Ja, bin ich. Hier“, sie zeigte Tom die Striemen auf ihrem Arm „das habe ich mir in der Nacht im Wald geholt“.

Tom nickte.

„Außerdem war auf der Lichtung überall das Gras plattgedrückt. Die Leute waren sicher da. Ich war extra noch mal dort, weil ich das alles selbst nicht glauben wollte. Ich finde es ja auch eigenartig“ fuhr Lisa hitzig fort. „Hier, das habe ich auf der Lichtung gefunden“. Sie kramte in ihrer Hosentasche. Dann verdrehte sie die Augen.

„Was hast du gefunden? Zeig schon!“ drängte Tom.

„Dafür müssen wir erst nach Hause. Ich habe ein Medaillon gefunden. Das habe ich aber in der Hose vergessen, die ich gestern anhatte und die habe ich heute Morgen in die Wäsche gepackt“ sagte Lisa.

„Lass uns noch mal zusammen auf die Lichtung gehen. Kannst du mir den Weg zeigen? fragte Tom, „um das Medaillon kümmern wir uns später“.

„In Ordnung“ sagte Lisa, „jetzt haben wir gleich elf, ich muss erst um Eins zum Mittagessen zurück sein, also los!“

„Ich hab‘ Zeit“ sagte Tom und grinste.

Die Räder stellten sie zuhause ab und nachdem Tom seinen Großeltern vorgeschwindelt hatte, dass er dringend noch ein Teil für seine Gangschaltung von der Post abholen musste, machten sich die beiden auf den Weg. Den Pfad durch den Wald fand Lisa inzwischen ohne Probleme.

Als sie schließlich auf der Lichtung standen meinte Tom, „es sieht nicht so aus, als hätte hier je irgendeine Firma irgendetwas gearbeitet und mal ganz ehrlich, besonders gefährlich erscheint es mir hier auch nicht“. Er drehte sich einmal um sich selbst. „Wo kam denn dieses Licht her?“

„Das ist es ja gerade! es kam von der Mitte der Lichtung. Na, wie soll ich sagen? Es schien, äh, irgendwie aus sich selbst heraus zu leuchten“ versuchte Lisa es zu formulieren.

„Aus sich selbst heraus zu leuchten?!“ wiederholte Tom.

„Wie soll man es sonst nennen? Da war eben keine Lampe oder so was, das Licht war einfach da“ erwiderte Lisa aufgeregt. „Und es war kalt, richtig kalt! Die Pflanzen am Boden, der Farn, die Gräser, alles war gefroren! Wie erklärst du dir das? wir haben eine Hitzewelle.“

Tom schaute sich um. „Hier finden wir bestimmt keine Spuren, du hast bei deiner letzten Suche ja alles plattgetrampelt.“

„Danke“ gab Lisa leicht verärgert zurück.

„Jetzt sei doch nicht immer gleich eingeschnappt, ich wollte damit doch nur sagen, dass wir hier keine neuen Beweise finden. Wo hast du gesessen? Zeig mir die Stelle.“

Sie gingen zu dem Baum herüber, an dem Lisa nachts gehockt hatte, aber auch da war nichts Auffälliges auszumachen.

„Komm mit!“ rief Tom und lief, ohne auf Lisa zu warten in Richtung ihrer Häuser davon.

Lisa rannte hinterher.

Ziemlich außer Atem und nassgeschwitzt kamen sie wieder zuhause an und Tom lief geradewegs, die Haustür offen stehen lassend in sein Zimmer hoch. Über die Schulter rief er seiner Oma in der Küche nur ein „ich bin wieder da“ zu.

Lisa kam unten im Hausflur zum Stehen, schloss die Tür und lehnte sich erst einmal mit dem Rücken dagegen. Das Haus war genauso aufgeteilt, wie ihres nebenan, nur dass hier alles altmodischer aussah.

Toms Oma, eine Frau Anfang siebzig mit weißen Haaren und einem freundlichen Gesicht, schaute um den Küchentürrahmen und wischte sich gerade mit einem Trockentuch die Hände ab. „Guten Morgen“ sagte sie, „du bist doch Lisa von nebenan, oder? Tom hat ja schöne Manieren, dich hier einfach so stehen zu lassen. Du siehst ganz erhitzt aus. Komm erst einmal in die Küche und trink etwas, du bekommst sonst noch einen Hitzschlag“.

„Vielen Dank aber ich geh erst mal hoch“ antwortete Lisa. Dann stieg sie die Treppe hinauf. Sie musste schmunzeln. In dem Haus war tatsächlich alles gleich, sogar die vierte Stufe von oben knatschte.

Tom hörte es und rief von oben „Ich bin hier vorne!“.

Lisa sah, dass nur eine Tür im ersten Stock offenstand. Sie ging hinein und fand Tom am Schreibtisch am Fenster vor seinem Laptop. Er hatte es schon hochgefahren und sah konzentriert Suchergebnisse durch.

Lisa blickte sich erst einmal im Zimmer um. Toms Bett stand auch in der hinteren Zimmerecke gegenüber der Gaube mit dem Fenster, wie ihres. Sein Kleiderschrank befand sich hinter der Zimmertür. An den Wänden hatte er eine bunte Mischung an Postern hängen. Über dem Bett heftete eins mit einem Mountainbike und das eines Sportmotorrads, neben dem Schreibtisch streckte Einstein dem Betrachter die Zunge heraus und daneben prangte ein Plakat, auf dem in großen Buchstaben „Der frühe Vogel kann mich mal!“ stand, illustriert mit einem gezeichneten Tier dieser Gattung, das gerade ein winziges Häuflein fallen ließ. Auf dem Holzboden lag ein knallbunter Teppich. Die Schranktüren standen offen. Aus einer hing eine Jeans, aus einer Schublade, halb eingeklemmt, eine Unterhose. Überall auf dem Bett und dem Fußboden lag Wäsche wahllos verstreut. Nur auf dem Schreibtisch, neben Tom lag ein Stapel gebügelter und akkurat gefalteter Hemden und Shirts.

„Hatte keine Zeit zum Aufräumen“ sagte Tom beiläufig. „Komm, hol dir den Stuhl und setz dich dazu“ ergänzte er und deutete auf die Ecke hinter dem Schrank.

Den Stuhl hatte Lisa bisher unter dem gewaltigen Haufen Schmutzwäsche überhaupt nicht bemerkt. Sie zog ihn geschickt aus dem Berg heraus und setzte sich neben Tom an den Schreibtisch.

„Willst du deine Wäsche kompostieren?“ fragte sie Tom, der konzentriert auf den Bildschirm starrte.

„Gute Idee, sollte ich probieren“ Tom schob Lisa den Computer herüber. „Hier, lies mal diesen Artikel.“

Lisa las zunächst die Überschrift und überflog dann kurz den Rest. „Wo hast du das denn her?“ fragte sie dann.

„Mir fiel eben im Wald ein, dass vor sieben oder acht Jahren einmal ein Reporter im Dorf war, weil Trudi, du kennst ja sicherlich unsere Dorfirre, behauptet hat, dass sie ihren toten Mann gesehen hätte. Das war die Zeit als sie angefangen hat total durchzudrehen. Das ist der Artikel darüber. Das ist nicht viel aber auf jeden Fall eine Spur, an der wir dranbleiben sollten!“ Tom war ganz aufgeregt.

Lisa hatte den Eindruck, er würde jetzt erst wieder atmen. Nun sah er Lisa mit triumphierender Mine an.

„Ja und weiter?“ drängte Lisa.

„Nichts weiter, ich glaube ich war damals sechs, meinst du, ich kann mich noch an alles erinnern? Was ich noch weiß ist, dass Opa einmal fürchterlich getobt hat, weil der Journalist ihn auch interviewen wollte. Er hat sich schon immer darüber geärgert, dass sie in den Nachbarorten von uns als dem Geisterdorf sprechen. Er hat ihm wohl gesagt, er sollte schnell wieder verschwinden.“ Tom überlegte. „Ach ja, das war an einem Morgen, nachdem mein Opa vom Brötchenholen wiederkam. Das macht er immer noch jeden Morgen. Aber das ist eine andere Geschichte. Oma fragte ihn‚ aber was ist das immer nachts?‘. Da hat Opa sie schrecklich angeschrien, das sei doch alles Humbug, und ist türenknallend rausgerannt. Ich habe an dem Morgen überhaupt nicht verstanden, warum er sich so aufregt. Ich fand das einfach spannend, mit Geistern und so.“

„Kam dir das denn nicht komisch vor mit den Geistern?“ fragte Lisa.

„Doch schon“ antwortete Tom „aber ich habe nicht weiter darüber nachgedacht. Erst jetzt, wo du mir die Geschichte aus dem Wald erzählt hast, sehe ich da einen Zusammenhang.“

„Wir müssen unbedingt mit dem Reporter Kontakt aufnehmen, der Trudi interviewt hat und mit ihr müssen wir auch dringend reden“, meinte Lisa.

Noch eine ganze Weile diskutierten Lisa und Tom darüber, was sie als nächstes tun sollten und mit wem sie noch über die geheimnisvollen Vorfälle der Vergangenheit sprechen könnten. Als Toms Oma zwischendurch erschien und den Beiden eisgekühlten Tee brachte, damit sie nicht gänzlich ausdörrten, wie sie sagte, unterbrachen sie ihr Gespräch, so dass sie die zwei skeptisch von der Seite ansah und anschließend das Zimmer schmunzelnd, ohne ein weiteres Wort verließ.

Alle möglichen Mutmaßungen stellten die beiden Teenager an, wie die Erscheinungen im Wald zu erklären wären, kamen aber nicht zu einem zufriedenstellenden Ergebnis. Nein, sie mussten weitere Nachforschungen anstellen. Zuerst würden sie also am Nachmittag die verrückte Trudi ausfragen. Die würde sicherlich bereitwillig Auskunft geben. Allerdings waren Tom und Lisa sich nicht sicher, ob sie mit dem wirren Durcheinander aus Horrorgeschichten und wilden Verwünschungen gegen verschiedene Dorfbewohner, die Trudi auszustoßen pflegte, etwas würden anfangen können. Einen Versuch war es allemal wert.

Irgendwann schaute Lisa dann auf die Uhr, die auf Toms Schreibtisch stand und erschrak.

„Die geht richtig, oder?“ fragte sie und wies Tom auf den schwarzen Darth-Vader-Wecker hin.

„Ja, wieso?“ konterte Tom, der eine Spitze Lisas vermutete.

„Na weil es schon zwanzig nach eins ist. Ich muss schon längst drüben zum Essen sein“ meinte Lisa.

„Ach so“ erwiderte Tom, erleichtert darüber, einer von Lisas Spitzen entgangen zu sein. Lisas Augen blitzten schon wieder so. „Und ich dachte schon…ach egal, schon gut“ schloss er schnell, um nicht doch noch Lisas Spott auf sich zu ziehen.

„Ok, dann um halb vier vor dem Haus, mit Fahrrad“ sagte Lisa, griff nach dem Zeitungsartikel, den Tom inzwischen ausgedruckt hatte und spurtete rüber zum Essen.

Lisas Mutter hatte nicht auf sie gewartet und als Lisa in die Küche stürmte, sah sie nur kurz auf und sagte „nur keine Hektik, es sind Ferien. Außerdem ist es viel zu heiß zum Rennen. Nur nebenbei, wo warst du eigentlich? Ich hab‘ dich überall gesucht.“

„Drüben bei Tom, wir haben gequatscht, ist ganz nett.“ sagte Lisa und füllte sich etwas von dem Auflauf auf.

Merles Gabel sank in ihren Teller und sie sah Lisa mit ihrem Nachdenkgesicht mit schiefgestelltem Kopf an. Ihr Körper schien auf stand by gestellt, damit ihr Gehirn mit genug Energie versorgt werden konnte. Nach einigen Sekunden wurde ihr Blick wieder klar und sie schaufelte erneut mit gesegnetem Appetit Auflauf in ihren Mund, bis ihre Mutter sie daran erinnerte, dass Schlucken auch zur Nahrungsaufnahme gehörte.

„Wie nett?“ fragte Merle mit vollen Hamsterbacken.

„Was ist das denn für `ne Frage?“ Lisa schaute Merle an, „nett eben!“

„Nett ist der kleine Bruder von…“ setzte Jannik gerade an, als er von seiner Mutter unterbrochen wurde.

„Jannik!“ sagte sie nur.

„Der kleine Bruder von wem?“ hakte Merle nach. „was meint Jannik?“

„Lass mal, das erkläre ich dir in ein paar Jahren Merle“ sagte Mama.

Merle setzte wieder kurz ihren Nachdenkblick auf, entschied dann aber, dass Nachtisch jetzt wichtiger wäre. Nachdem die Teller abgeräumt waren, durfte sie sogar selbst die große Schüssel mit Schokoladenpudding auf den Tisch stellen und sich die erste Portion auffüllen. Sie stoppte erst, sich einen Löffel nach dem anderen in ihr Dessertschälchen zu klatschen, als Mama sie darauf aufmerksam machte, dass ihr Kinderbauch schon voll Auflauf sein müsste.

Merle kontrollierte das sofort, indem sie ihr T-Shirt hochschob und ihren nackten Bauch so dick machte, wie sie konnte.

„Guck Mama, da passt noch viel mehr rein, besonders Pudding“ säuselte sie mit ihrer süßesten Kinderstimme und streichelte mit beiden Händen genüsslich über die bloße Haut.

Lisa musste unweigerlich grinsen. Merle sah aus wie das erste Mädchen, das schon mit noch nicht einmal fünf Jahren Zwillinge bekam.

„Oh Gott ist der voll“ sagte Mama, „du isst besser keinen Nachtisch mehr“. Sie setzte mühsam eine entsetzte Mine auf.

Merle, die das Spiel nicht sofort durchschaute, zog ihren Bauch so weit ein, dass Rippen und Beckenknochen zu sehen waren und erwiderte schnell „Nee Mama, da ist noch total viel Platz“. Den Kommentar ergänzte sie noch mit einem eisschmelzenden Augenaufschlag.

Alle am Tisch prusteten los und unter reichlich Gealber wurde die Puddingschüssel bis auf den letzten Rest geleert.

Bis halb vier war noch viel Zeit. Daher beschloss Lisa, sich zunächst einmal um ihren Bauerngarten zu kümmern, der am Morgen wegen des Ausflugs zu Terry‘s hatte warten müssen. Die Werkzeuge standen immer noch an der Gartenmauer.

Gerade als Lisa mit der Arbeit beginnen wollte, fuhr ein Lieferwagen die Straße vor dem Haus entlang. Lisa wunderte sich, denn nur selten verirrte sich jemand hier oben auf den Hügel. Die Landstraße führte vom Ortsausgang aus unten im Tal weiter.

Auf der Seite des Wagens prangte das Logo eines großen Wetterdienstes und darunter der Slogan ‚Wir machen Ihr Wetter‘. Lisa hielt inne und blickte dem Auto nach, bis der Fahrer ein ganzes Stück weiter oben an einem kleinen Gebäude hielt, ausstieg und dann mit einem Koffer in der Hand darin verschwand. Lisa wurde neugierig. Eine Zeit lang beobachtete sie die Hütte. Als der Mann nicht wieder aus dem Inneren auftauchte, beschloss sie, mit dem Fahrrad den Hügel zu erklimmen und herauszufinden, was der Mann von der Wetterfirma wohl in der Hütte tat.

Als Lisa ihr Rad vor dem Häuschen zum Stehen brachte sah sie die vielen Antennen und ein kleines Windrädchen mit Schaufeln, die aussahen wie drei zu groß geratene Eisportionierer. Sie wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Diese Hitze war wirklich anstrengend. Es mussten schon wieder weit über dreißig Grad sein.

„Das ist `ne Wetterstation“ hörte Lisa eine Stimme hinter sich. Sie drehte sich um und sah, dass der Mann seinen Werkzeugkoffer und ein Laptop wieder in den Werkstattwagen räumte. „Du hast gerade so zum Dach hochgestarrt“ ergänzte er.

„Ist schon klar, hab‘ ich auch gemerkt“ sagte Lisa „also, dass das eine Wetterstation ist, meine ich, nicht dass ich hochgeschaut habe, also, das natürlich auch…“.

„Ich habe schon verstanden“ lachte der Mann.

 „Ich interessiere mich sehr für Meteorologie“ log sie, da ihr, während sie so versunken zu den Messgeräten hochgesehen hatte, durch den Kopf gegangen war, den Techniker vielleicht zu der eisigen Kälte befragen zu können.

„Ich habe Sie vorhin an unserem Haus vorbeifahren sehen. Ich bin ihnen hinterhergefahren, weil ich dachte, ich könnte vielleicht mal da rein.“ Sie nickte in Richtung Tür.

„Tut mir leid, aber da darf keiner rein“ sagte der Mann. „Das ist ganz empfindliche Technik. Da bekomme ich Ärger, wenn das rauskommt. Und Ärger habe ich so schon genug.“ Nun kam er richtig in Fahrt. „Ständig soll ich hier die Geräte richtig einstellen. Mein Chef hält mich wohl für einen Idioten. Hier ist alles richtig eingestellt“ fuhr der Wettertechniker fort. „im letzten halben Jahr war ich schon drei Mal hier. Normalerweise laufen die Messpunkte ein ganzes Jahr ohne Wartung. Und von wegen Softwarefehler, war die Erklärung meines Chefs, ‚das ist doch wieder so ein Softwarefehler‘ hat er gesagt ‚ihr Servicetechniker müsst mal gründlicher arbeiten, da fehlt bestimmt wieder ein Update‘. So ein Ar…“. Er bremste sich im letzten Moment. „Tschuldigung“ murmelte er. Na ja, jedenfalls ist alles korrekt. Liegt an eurer scheiß Servertechnik in der Zentrale, hab ich meinem Boss gesagt. Ihr müsst ja unbedingt diesen billigen Chinadreck kaufen.“

Lisa musste lachen. Jetzt hatte er doch noch ein Schimpfwort nachgelegt, aber offensichtlich hatte es der Wettermann nicht bemerkt. Er kramte und sortierte wieder in dem Wagen herum. „Immer wieder diese Station. Vielleicht baue ich mir gleich ein Haus daneben, dann kann mein Chef mich sofort nachts anrufen und ich geh eben rüber und gucke nach, was los ist.“ Er grinste Lisa jetzt um die Hecktür des Autos herum an. „Würde dem bestimmt so passen.“ Jetzt war der angestaute Ärger offenbar raus, denn er fuhr freundlicher fort, „Das Komische ist nämlich, dass es immer nur nachts vorkommt. Vorgestern Nacht zum Beispiel, überall messen wir tropische Nächte über zwanzig Grad, nur hier übermittelt die Elektronik -7°C. Ist doch bescheuert!“

Super, dachte Lisa, das war ja leichter als vermutet. Ich musste nicht eine einzige Frage stellen. Der Techniker hatte sich so ereifert, dass er vergessen hatte, dass er seinen aufgestauten Frust über einen wildfremden Teenager ergoss. Lisa war das nur recht.

„Sind es denn immer bestimmte Tage, an denen Die Geräte ausfallen? Könnte ja sein. Immer der Dritte jeden Monats oder so“ bemerkte Lisa. „Find ich spannend, ein Krimi sozusagen. ‚Der geheimnisvolle Computerfehler‘ könnte man ihn dann nennen“ fabulierte sie mit pathetischer Stimme.

„Da mach dir mal keine Hoffnungen Mädchen“ lachte der Techniker, „immer andere Tage, hab‘ ich schon überprüft. Nur die minus sieben Grad, die sind jedes Mal gleich. Kannst du auf unserer Homepage nachlesen, da stehen alle Daten drin, auch die falschen. Du musst nur diese Wetterstation auf der Karte auswählen, ist ganz einfach.“ Er lächelte Lisa zu, geschmeichelt darüber, dass sie sich so sehr für seine Arbeit und seine Probleme interessierte.

Na klasse, dachte Lisa. Ich sollte eine Therapiepraxis aufmachen. Ich habe scheinbar Talent.

Der Mann schaute auf seine Uhr. „Ich muss jetzt wirklich los“ sagte er und stieg in sein Auto. „Minus sieben Grad“, murmelte er noch amüsiert, „ein bisschen unwahrscheinlich im Moment. Ich kann meinem Chef ja sagen, das war gar kein Fehler, es war wirklich so kalt.“ Er grinste Lisa ein letztes Mal an und fuhr los. Seine Laune hatte sich offensichtlich gebessert.

Lisa sah ihm noch hinterher, wie er die Landstraße zum Ort zurückfuhr und als sich die Staubwolke schließlich legte, stieg sie auf ihr Rad und fuhr ebenfalls zurück nach Hause.

Als Lisa ihr Fahrrad weggestellt hatte und wieder im Vorgarten stand, blickte sie sich um. Alle Beete lagen im vollen Sonnenlicht und die Bienen und Hummeln taten fleißig, aber dennoch träge ihren Dienst. Lisa schloss ihre Augen und lauschte einen Moment dem stetigen Summen. Sie spürte, wie ihr der Schweiß den Nacken hinunter und unter dem Shirt weiter den Rücken herabrann. Als der Tropfen den Hosenbund erreichte, wurde er merklich von dem Stoff aufgesogen. Lisa beschloss, dass es zu heiß zum Weiterarbeiten und stattdessen höchste Zeit für eine zweite Dusche sei.

Oben in ihrem Zimmer schlüpfte sie aus ihrer Kleidung und ließ diese achtlos am Boden liegen. Sie griff nur schnell ihr Badetuch vom Haken an der Tür und huschte nackt die wenigen Schritte hinüber ins Bad.

Das Wasser war herrlich erfrischend. Lisa hatte ganz darauf verzichtet, warmes Wasser dazu zu drehen und stand nun unter dem eiskalten Strahl. Sie versuchte noch einmal zu rekapitulieren, was sie bisher erfahren hatte.

In der Nacht war es offenbar tatsächlich so kalt gewesen. Lisa glaubte nicht an einen Fehler der Wetterstation. Sie hatte die Kälte selbst gespürt. Sogar das Gras vor dem Haus und am Rande der Lichtung war gefroren gewesen. Dann hatte sie noch durch den Wettermann erfahren, dass es in diesem Jahr schon zwei weitere Kältenächte gegeben haben musste. Ob das Licht wohl auch in diesen Nächten da gewesen war? Lisa würde Tom fragen, ob er sich vielleicht an eine erinnerte.

Was wusste sie noch? Zunächst einmal, dass es auch früher schon ungewöhnliche Ereignisse im Ort, beziehungsweise in dem Wäldchen auf dem Hügel gegeben hatte. Trudi sollte behauptet haben, dass sie ihren Mann gesehen hatte. Mit ihr würden sie am Nachmittag sprechen. Frau Kruger verheimlichte auch irgendetwas, sonst hätte sie am Morgen nicht so erbost reagiert. Aus ihr und auch aus Toms Großeltern musste Lisa noch etwas herausbekommen, sie würde sich also noch ein paar Tricks einfallen lassen müssen. Und dann gab es da noch diesen Journalisten. Mit ihm wollte Lisa unbedingt noch reden. Er hatte ja schon in dieser Richtung recherchiert und konnte ihr bestimmt weiterhelfen. Hoffentlich wollte er die Story nicht für sich allein behalten.

Lisa drehte das Wasser ab. Ihr Körper fühlte sich schon an wie Eis am Stiel. Sie schlang sich nur schnell das Badetuch um und sprintete zurück in ihr Zimmer. Dort warf sie sich, so wie sie war auf ihr Bett und schloss die Augen, um besser nachdenken zu können.

Immer diese verdammten Überlandfahrten. Überall nur Wiesen und Kühe. Konnte nicht mal einer endlich eine Autobahn in dieser Gegend bauen? Das war zum Kotzen. Stundenlang fuhr er jetzt schon durch diese Einöde und nirgends war ein Parkplatz zu finden, auf den er drauf passte. Wie sollte man denn da seine Lenkzeiten einhalten? Die ganze Nacht war er schon durchgefahren, wegen der Vollsperrung, in der er vorher vier Stunden gestanden hatte. „Nein wir können den Verkehr nicht ableiten“ hatte der Polizist nur gesagt. Ihn hatte auch nicht interessiert, welchen Ärger es geben würde, wenn die Terminfracht zu spät ankäme. Sein Chef hatte am Telefon geschrien, dass es ihm scheißegal sei, wie das gehen sollte, Hauptsache der LKW wäre um 12 Uhr entladen. Jetzt war es schon halb Eins und es fehlten noch 150 Kilometer. Der Kaffee in der Bordkaffeemaschine war fast durchgelaufen. Manchmal half es auch, die Augen einen Moment lang ganz fest zuzukneifen, nur ganz kurz. Scheiße, wo kam denn das Motorrad plötzlich her?

Das Motorrad zog kraftvoll durch die Kurven. Bei jedem Zug am Gasgriff war der Schub zu spüren, den der Motor unmittelbar auf die Straße übertrug. Es war ein herrliches Gefühl, ganz anders als die Fahrt im Auto. Die Wiesen leuchteten in einem hellen Frühlingsgrün und man konnte die Temperaturänderungen spüren, die sich ergaben, wenn man durch eine Senke oder ein Waldstück fuhr und danach wieder im wärmenden Sonnenlicht auftauchte. Auch die Düfte, die sich mit jeder Biegung der Landstraße änderten, fanden ihren Weg nahezu ungehindert durch den Helm. Ein Blick auf die Uhr in den Armaturen zeigte, dass noch genug Zeit war, um die Fahrt durch die herrliche Landschaft zu genießen. Sauber zirkelte das Motorrad um die nächste Linkskurve, die an einem Hang entlangführte, der sanft nach rechts abfiel und in ein weites Tal mündete, auf dessen Wiesen ein paar Kühe gemütlich an den frischen Frühlingsgräsern kauten. Plötzlich war da ein LKW quer auf der Straße. Der Hängerzug versperrte die Fahrbahn auf der gesamten Breite und die Scheinwerfer wurden immer größer.

Lisa spürte, dass ihr jemand den Rücken streichelte. Erst als sie zu sich kam bemerkte sie ihr eigenes Schluchzen. Merle saß neben ihr auf dem Bett und sah sie aufmerksam an.

„Merle, was machst du denn hier?“ Lisa wischte sich mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen.

„Ich habe auch oft solche Träume“ sagte Merle, „dann muss ich auch immer weinen“.

„Ich weiß“ erwiderte Lisa. Mehr brauchte sie gar nicht zu sagen. Sie wussten beide, wie es war sich so unglaublich verloren zu fühlen und welche Hilfe es war, sich aneinander festhalten zu können.

Merle rutschte näher an Lisa heran, die sich auf die Seite gedreht hatte, legte sich vor sie und schmiegte ihren Rücken ganz dicht an Lisas Bauch. Löffelchen nannten sie das, weil sie lagen wie die Löffel in der Besteckschublade. Lisa spürte den warmen Kinderkörper und genoss den Trost, der von ihrer kleinen Schwester ausging.

Plötzlich sprang Merle auf.

„Ich wollte dir doch Bescheid sagen, dass Tom auf dich wartet“ rief sie. „Der wartet schon total lange mit dem Fahrrad vorne auf dich. Jetzt findet er mich bestimmt blöd.“

„Quatsch.“ Lisa war auch aufgesprungen und schaute aus dem Fenster zur Straße herunter. „Dich kann man doch gar nicht blöd finden Merle“ sagte sie noch zu ihrer Schwester. Dann rief sie Tom ein „ich komme sofort runter“ zu und bemerkte in diesem Moment, das sie immer noch ausschließlich mit einem Badetuch bekleidet war.

Lisa bekam einen kleinen hysterischen Anfall wegen ihrer erneuten Ungeschicklichkeit gegenüber Tom, sprang vom Fenster zurück und riss den Kleiderschrank auf. Schnell griff sie wahllos ein T-Shirt und Hotpants und ließ das Badetuch fallen, um sich möglichst zügig anzuziehen.

„Krieg ich auch so Brüste“ fragte Merle, die immer noch neben dem Bett stand und mit dem ausgestreckten Arm auf Lisa zeigte?

„Äh ja, vermutlich schon“ entgegnete Lisa und schaute an sich herab, weil sie ihre Verwirrtheit noch nicht ganz überwunden hatte.

Von unten schallte die Stimme ihrer Mutter herauf. „Lisa? Ich schick dir Tom rauf, der wartet schon eine ganze Weile in der prallen Sonne vor dem Haus auf dich.“

„Oh Gott“ entfuhr es Lisa. In rasender Eile zog sie sich an und versuchte dann möglichst selbstverständlich zu wirken, während sie sich an den Schrank lehnte. Plötzlich sah sie die Kleidung vor sich auf dem Boden, die sie vor dem Duschen dort achtlos liegen gelassen hatte. Sie kickte sie mit einem gekonnten Tritt unters Bett und flötete ein möglichst zufällig klingendes „herein“, als sie Toms Schritte vor der Zimmertür hörte.

Merle stand die ganze Zeit über mit halb offenem Mund und schief gelegtem Kopf mitten im Zimmer und starrte Lisa mehr oder weniger fassungslos an. Als Tom den Raum betrat, drehte sie sich mit dem ganzen Körper zu ihm um und betrachtete ihn mit der gleichen Mine.

„Können wir jetzt fahren oder fällt der sonst um?“ fragte Tom in Richtung Schrank nickend. Diesmal war die Schlagfertigkeit auf seiner Seite. „Hey Merle“ ergänzte er beiläufig.

„Hey Tom“ erwiderte Merle, die wieder zum Leben erwacht war und gerade etwas bemerkt hatte. Sie stand schräg hinter Tom und deutete unauffällig auf Lisas Gesicht.

Schnell wischte Lisa sich eine letzte Träne aus dem Augenwinkel. Sie lächelte ihrer kleinen Schwester zu. Diese dankte es ihr mit ihrem strahlendsten Lachen.

„Klar können wir fahren“ sagte Lisa. „Ich habe verschlafen, kleine Siesta, verstehst du? Ich war so wahnsinnig müde.“

Um zu Trudi zu gelangen, mussten Tom und Lisa durch den gesamten Ort radeln. Nirgendwo auf der Straße begegneten sie auch nur einer Menschenseele. Kurz nachdem sie an Terry’s vorbeigefahren waren, rief Tom Lisa, die vor ihm fuhr zu, ob sie einmal anhalten könnten.

„Sollen wir vielleicht kurz zurückfahren“ fragte er? „Ich spendiere noch einmal eine Runde Eis oder Limo, ganz egal, Hauptsache kalt.“

„Sehr verlockend aber das heben wir uns lieber für später auf. Wir müssen sowieso noch einmal zu Terry’s. Ich muss unbedingt wissen, vor was Frau Kruger so eine Angst hat, dass sie uns nichts davon erzählen will“ antwortete Lisa. „Zuerst will ich mir aber eine Taktik zurechtlegen, sonst bekommen wir gar nichts heraus. Ach, und die nächste Runde Eis geht auf mich, gerne auch mit Limo, als Entschädigung dafür, dass du jetzt warten und weiter leiden musst.“ Ein spöttisches Lächeln umspielte Lisas Mund. Irgendwie machte es ihr Spaß Tom aufzuziehen. Er war dann so herrlich verunsichert und auf eine eigentümliche Art mochte sie das an ihm. Überhaupt war er anders als die Jungen aus ihrer neuen Klasse, die immer nur darauf bedacht waren, möglichst cool zu wirken und dumme, völlig unpassende Sprüche losließen, wenn Lisa versuchte, sich verbal mit ihnen zu duellieren. Mit ihr hatte es bisher jedenfalls keiner aufnehmen können.

Lisa bemerkte wie Tom jetzt nicht spöttisch lächelte, sondern bis über beide Ohren grinste, was wohl an Lisas sekundenlanger Abwesenheit während ihres letzten Gedankenganges liegen musste.

„Na, wieder da“ prustete er jetzt heraus? „Entweder wir fahren weiter oder wir drehen uns um, damit wir auch von beiden Seiten schön durch sind.“

Touché. Das war besser als die blöden Kommentare in der Schule. Außerdem hatte Tom Recht. Sie hatten an einer Stelle gehalten, an der es nicht den geringsten Schatten gab.

„Das kostet zwei Eis“ bemerkte Lisa nur kurz und trat so kräftig in die Pedale, dass Tom Mühe hatte, wieder zu ihr aufzuholen. Als die zwei das nächste Mal anhielten, klebten ihre Kleider schweißnass an ihren Körpern. Sie standen direkt vor dem niedrigen, weiß gestrichenen Gartenzaun, der sich um den winzigen Vorgarten an Trudis Haus zog.

Rechts neben dem Haus befand sich eine Garage, deren Tor halb offenstand und in der sich nichts zu befinden schien außer einem kleinen Hocker, der umgefallen an einer Wand lag. Das Haus selbst war nur einstöckig, bestand offenbar ebenfalls aus Backstein, so wie das Haus in dem Lisa lebte und war ebenso weiß getüncht, wie der kleine Gartenzaun. Das Ganze hätte die gleiche spießige Idylle abgeben können, wie die anderen identisch gebauten Häuschen in der Nachbarschaft, wäre da nicht das große weiße, offensichtlich aus mehreren alten Bettlaken zusammengenähte Banner gewesen, das, zwischen zwei Eisenstangen gespannt, mitten auf dem Rasen prangte.

‚Ihr könnt die Wahrheit nicht verleugnen‘ war mit blutroter Farbe in Großbuchstaben darauf gepinselt.

„Hier sind wir richtig“ sagte Lisa mit ernster Miene zu Tom. Irgendwie war ihr jetzt doch ein wenig unheimlich. Die Beiden ketteten ihre Fahrräder am Zaun zusammen, öffneten das kleine Gartentor und gingen schweigend bis zur Haustür. Sie wechselten noch einen stummen Blick und Tom drückte auf den Klingelknopf. Von der anderen Seite der Tür war ein deutlich vernehmbares „Ging-Gong“ zu hören. Dann passierte einige Zeit garnichts.

Nach einer gefühlten Ewigkeit näherte sich von irgendwo weiter hinten im Haus eine wild schreiende und fluchende Stimme, die Haustür wurde aufgerissen und eine Frau mit wilden, ungekämmten Haaren, Ringen unter den Augen und einer Zigarette im Mundwinkel stand im Türrahmen. Bekleidet war sie mit einem abgetragenen Morgenmantel in Blümchenmuster und Kunstfellpantoffeln.

„Ihr braucht gar nicht…“ fing sie noch einen Satz an, wobei die an ihrer Unterlippe klebende Zigarette bedrohlich zitterte, verstummte dann plötzlich, um ihren Satz mit einem erstaunten „…oh“ zu beenden. Sie schaute noch einmal kurz von Lisa zu Tom und wieder zu Lisa, machte dann auf dem Absatz kehrt und verschwand in einem der Zimmer. Im Weggehen warf sie noch ein „kommt rein“ zurück, ohne sich aber noch einmal zu den Zweien umzusehen.

Lisa und Tom tauschten erneut einen wortlosen Blick und betraten das Haus. Lisa ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Als sie den Raum betraten sahen die Teenager, dass das Zimmer, in das die Frau hineingeschlurft war, die Küche war.

„Wollt ihr auch ‘nen Tee?“ fragte die Frau, die mit dem Rücken zu ihnen an der Arbeitsplatte der Einbauküche stand und mit Teekanne und Wasserkessel hantierte.

Eigentlich war es Tom und Lisa viel zu heiß dafür aber beide antworteten wie aus einem Mund mit „ja“.

„Sind sie Trudi … ich meine Frau…?“ Lisa bemerkte, dass sie Trudis Nachnamen überhaupt nicht kannte.

„Arnold, aber bleib ruhig bei Trudi. Ich finde die meisten Menschen sind sowieso viel zu förmlich.“ Trudi drehte sich um. „Wollt ihr euch nicht setzen?“ Mit einer ruppigen Kopfbewegung wies sie zu der Eckbank und dem Tisch, auf dem ein Aschenbecher stand, in dem sich unzählige Zigarettenkippen türmten.

Als sie saßen wanderte Lisas Blick durch den Raum. Die Tapeten im Stil der 70er Jahre hatten eine gelblich braune Farbe angenommen, ebenso wie der Lampenschirm der Deckenleuchte, der wohl einmal aus einem weißen Stoff mit rotem Rosendruck bestanden haben musste. Jetzt glichen die Rosen eher einem verwelkten, weggeworfenen Blumenstrauß auf einem Untergrund undefinierbarer Farbe. Auf dem Fensterbrett lagen mehrere tote Fliegen, die wohl an einer Nikotinvergiftung gestorben waren, zwischen Stapeln von Post und die Polster der Bank, auf der Tom neben ihr saß, waren aufgerissen und zerschlissen. Lisa konnte sich kaum vorstellen, wie dieser Raum einmal neu eingerichtet und renoviert ausgesehen haben könnte. Sie spürte, wie ihr der Schweiß am Körper herunterlief und ihre Kleidung auf der Haut klebte. Die Mischung aus kaltem und warmem Zigarettenrauch und die unglaubliche Hitze verursachten ihr Schwindel und Übelkeit und sie hatte das Gefühl gleich einfach von der Bank zu kippen. Ein Blick in Toms Gesicht verriet ihr, dass es ihm auch nicht besser ging.

„So“, Trudi knallte drei Kaffeebecher auf den Tisch und setzte sich Tom und Lisa gegenüber auf einen Stuhl. „Was anderes hab‘ ich nicht, schmeckt aber auch Tee draus. Ich hatte noch nicht mit euch gerechnet.“ Trudi fixierte Lisa mit ihrem Blick.

„Aber …“ stotterte diese und schaute hilfesuchend zu Tom, der jedoch auch nur verwirrt zurückglotzte. „… woher wussten sie denn, dass wir überhaupt herkommen würden?“

„Guckt doch nicht so bescheuert, das ist keine Zauberei“ kodderte Trudi. „Ich war heute früh bei Terry’s, als ihr gerade vom Hof geradelt seid und habe mir ‘ne Abfuhr von der alten Kruger abgeholt. ‚wehe, du erzählst den Kindern weiter deine Horrorgeschichten‘ hat sie geschrien. Da wusste ich, dass ihr sie auch gesehen habt, bin ja nicht doof. Ich weiß ja, dass ihr beide oben am Wald wohnt.“

„Was haben wir auch gesehen?“ fragte Lisa vorsichtig nach.

„Na die Toten natürlich!“ antwortete Trudi. „Zuerst dachte ich, ich spinne, aber ich habe sie gesehen. Und die Leute im Dorf haben sie auch gesehen. Die trauen sich nur nicht, das zuzugeben, halten sich selbst für verrückt, tun so, als würde das nicht passieren.“ Trudi redete sich immer mehr in Rage. „Die wissen alle, dass das hier passiert, es hat nur keiner eine Ahnung, warum. Dein Papa war der Einzige, der den Mut hatte, zu mir zu halten. Er wusste Bescheid, hat mir sogar alte Auszüge aus dem Kirchenregister gezeigt, uralt, in denen davon berichtet wurde, dass Leute aus der Gegend verstorbene Angehörige gesehen haben, und das nicht nur einmal. Seitenweise steht das da drin. Jedes Mal haben sie dann versucht, den Menschen die bösen Geister auszutreiben, Exorzismus mit Priester und allem Drum und Dran, die armen Teufel. Einer ist sogar dabei gestorben. Mehr weiß ich auch nicht, spricht ja keiner mehr darüber. Nur eins ist sicher, mein Mann ist immer noch in der Garage und immer, wenn es nachts so kalt wird, macht er sich auf den Weg in den Wald, oben vor eurem Haus.“

Lisa war wie erstarrt. Seit Trudi ihren Vater erwähnt hatte, hörte sie wie gebannt zu, unfähig, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Das Blut rauschte in ihren Ohren. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Lisa war gar nicht mehr in der Lage, all die Dinge zu sortieren, die ihr in diesem Moment einfielen.

„Lisas Vater war bei Ihnen?“ hörte Lisa Tom wie aus weiter Ferne fragen. Die Frage drang nur ganz langsam in ihr Bewusstsein.

„Ja klar“ antwortete Trudi, „wusstet ihr das nicht?“

Lisa fühlte sich wie betäubt. Der Rauch, die Hitze, all das fühlte sie nur noch, wie durch einen dichten Nebel. Ihr Vater war hier gewesen, und er hatte von den Menschen im Wald gewusst, hatte vielleicht auch das Licht gesehen, die Kälte gespürt, genau wie sie selbst. Das war alles kein Zufall. Mit einem Schlag wurde Lisa dies klar. Sie war wieder hellwach.

„Wir müssen gehen, danke für den Tee“ sagte sie, sprang auf und eilte zur Haustür.

Tom stammelte nur ein „ja genau“ und folgte Lisa so schnell er konnte.

„Ihr könnt gerne wiederkommen, war schön, mal mit jemandem reden zu können“ rief Trudi ihnen noch hinterher, beschäftigte sich aber schon wieder mit den schmutzigen Teetassen.

Tom hatte Mühe, Lisa wieder einzuholen, die wie besessen durch die Mittagshitze radelte. Als er sein Rad vom Zaun losgemacht hatte, war sie schon hinter der ersten Straßenecke verschwunden und als er in Höhe von Terry‘s war, konnte er erkennen, dass sie weit voraus gerade den Hügel zu ihren Häusern erklomm. Mit einem wehmütigen Blick schaute er kurz zu dem Laden herüber. Ihm schossen die beiden Begriffe Eis und Limonade durchs Gehirn und er spürte, wie ihm der Schweiß am Rücken das T-Shirt verklebte. Was hatte Lisa denn nur? Sie war regelrecht panisch aus dem Haus von Trudi geflohen.

Tom hielt an. Er hatte ohnehin keine Chance mehr, Lisa vor zuhause einzuholen. Außerdem wurde ihm gerade schwindelig und speiübel. Das Wetter überforderte seinen Kreislauf eindeutig.

Tom entschloss sich, auch ohne Lisa kurz bei Terry‘s hineinzugehen, um sich eine Flasche Mineralwasser zu kaufen.

Als er wieder auf der Veranda des Ladens im Schatten des Vordachs stand, ließ er das eiskalte Getränk in großen Zügen seine Kehle herunterlaufen. Was hatte Lisa? Was hatte Trudi gesagt, das sie so in Angst hatte verfallen lassen? Er beschloss, später noch einmal in Ruhe über das vergangene Gespräch nachzudenken. Dazu war es jetzt einfach zu heiß.

Als Lisa zuhause ankam, konnte sie kaum noch atmen. Ihr war übel, heiß, ihr Kopf schmerzte und sie hatte das Gefühl, jeden Moment das Bewusstsein zu verlieren. Ihr Fahrrad ließ sie einfach auf dem Weg im Vorgarten fallen. Dann rannte sie die Treppe hinauf, riss sich schon im Flur alle Kleider vom Leib und stellte sich anschließend unter die eiskalte Dusche.

Einen Moment lang wurde ihr schwarz vor Augen. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Dann aber kam sie langsam wieder zu sich. Sie versuchte einen klaren Kopf zu bekommen. An das Gespräch mit Trudi konnte sie sich nur schemenhaft erinnern. Was hatte sie gesagt? Lisas Vater war bei ihr gewesen? Er hatte Unterlagen dabeigehabt, in denen etwas über umherlaufende Tote stand? Lisa war sich nicht sicher, ob sie das richtig verstanden hatte. Sie beschloss, später Tom danach zu fragen. Gut, dass er dabei gewesen war.

Oh Scheiße, dachte Lisa, Tom! Sie war rausgerannt und hatte ihn einfach vergessen. War er überhaupt hinterhergekommen? War er bei ihr gewesen, als sie den Hügel hochgefahren war. Lisa wusste es nicht. Sie hatte jetzt schon Angst vor ihrer nächsten Begegnung. Sie war ihm wohl eine Erklärung schuldig, hatte aber selbst keine Ahnung, warum sie eine Panikattacke bekommen hatte, als Trudi ihren Vater erwähnt hatte. Sie dachte einen Moment darüber nach, stellte dann aber fest, dass sie anfing zu zittern. Immer noch stand sie unter dem eiskalten Wasserstrahl.

Lisa drehte das Wasser ab und stieg aus der Dusche. Jetzt erst bemerkte sie, dass sie überhaupt kein Badetuch hatte. Das lag vermutlich immer noch vor dem Kleiderschrank, wo sie es am Nachmittag fallengelassen hatte. Also verließ sie das Badezimmer, sammelte im Flur ihre Kleidung auf, und schlich auf Zehenspitzen in ihr Zimmer. Dabei hinterließ sie überall Spuren, denn stetig tropfte das Wasser von ihrem Körper.

Das Badetuch lag tatsächlich noch vor ihrem Schrank. Lisa hob es auf. Es war bei der enormen Hitze getrocknet, obwohl es so zusammengeknüllt dagelegen hatte. Lisa schloss die Tür und trocknete sich ab. Ihre Kleidung deponierte sie neben der Tür, um sie später in die Wäsche zu bringen. Das T-Shirt war nach ihrem Fahrradsprint so durchgeschwitzt, dass es nicht mehr zu gebrauchen war und selbst die Hose fühlte sich klamm an.

Während Lisa ihre Haare abrieb, ging sie zum Fenster. Erschrocken trat sie einen Schritt zurück, denn vor dem Gartentor stand Tom. Vorsichtig näherte sie sich dem Fenster wieder und spähte herunter, immer darauf bedacht, nicht von Tom entdeckt zu werden.

Dieser stand bewegungslos draußen in der Sonne, die Arme hängend und schaute auf Lisas Fahrrad hinunter, das immer noch achtlos beiseite geworfen auf dem Gartenweg lag. Lisa wartete eine Weile, aber Tom stand weiterhin still da und betrachtete das Fahrrad. Er schien nachzudenken.

Irgendwann wurde sein Blick klar und er begann langsam wieder, sich zu bewegen. Es sah aus, als würde er allmählich aus einer Art Schlaf erwachen. Er drehte sich um und machte sich auf den Weg hinüber zum Haus seiner Großeltern. Dabei huschte sein Blick kurz hoch zu Lisas Zimmer.

Lisa zuckte zurück. Hatte er sie gesehen? Vermutlich nicht, denn Tom ging einfach weiter und verschwand vor dem Eingang des Nachbarhauses aus Lisas Blickfeld. Irgendwie fühlte sie sich schäbig, aber warum? Weil sie vorhin bei Trudi abgehauen war? Jedenfalls hatte sie das Gefühl, von Tom nicht gesehen werden zu wollen, noch nicht. Sie wollte sich erst im Klaren darüber sein, was sie ihm sagen sollte.

Lisa blickte an sich herunter und bemerkte, dass sie immer noch nackt war. Als sie sich umdrehte, um neue Kleidung aus dem Schrank zu holen, bekam sie fast einen Herzstillstand. Hinter ihr, mitten im Raum stand Merle, mit schiefgelegtem Kopf und beobachtete sie.

„Merle, was machst du hier? Warum schleichst du dich so an?“ Lisas Herz raste.

Merles Kopf wanderte wieder in die Senkrechte.

„Dein Po ist auch dicker geworden.“ Dann besann sie sich wohl darauf, weshalb sie hergekommen war und sagte, „Ich soll dich zum Abendessen holen. Es gibt Caprese. Was hast du da gemacht?“ Sie lief zum Fenster und zog sich an der Fensterbank hoch, um nach unten in den Vorgarten sehen zu können.

„Oh, dein Fahrrad ist umgekippt.“

„Ich weiß“ antwortete Lisa nur, während sie neue Kleidung aus dem Schrank nahm und sich anzog. Sie musste schmunzeln. Merle hatte in letzter Zeit so ein merkwürdiges Interesse an Lisas Körper.

„Es gibt auch was ganz leckeres zu trinken“, fuhr Merle nun fort. „Ich habe nämlich Zitronenlimonade selber gemacht, mit vier ganzen halben Zitronen, die ist total sauer, musst du unbedingt probieren.“ Merle nahm Lisa an die Hand und zerrte sie die Treppe hinunter.

Schon auf dem Weg nahm Lisa Rauchgeruch wahr und Merle zog sie auch nicht, wie erwartet in die Küche hinein, sondern durch den Flur an Papas Arbeitszimmer und dem Wohnzimmer vorbei, hinaus in den hinteren Garten. Dort stand ihre Mutter an dem fürchterlich rauchenden Schwenkgrill und versuchte, die wilden Pendelbewegungen des Rostes in den Griff zu bekommen. Dabei gab sie sich alle Mühe, den Ketten mit der Grillzange auszuweichen und die Bratwürstchen umzudrehen, bevor sie gänzlich verkohlten.

„Widerspenstige kleine Scheißerchen“ stieß sie gerade hervor und packte beherzt eines der Würstchen, um es gleich darauf mit einer eleganten Drehung direkt am Rost vorbei in die Glut fallen zu lassen. „Oh nein, nicht auch das noch.“ Sie fischte es wieder heraus und legte es zurück zu den anderen Würstchen. An einer Seite klebte noch immer eine große Kohle und brannte sich langsam hinein. Lisas Mutter schnippte die Kohle zurück in die Glut und kommentierte, „die Würstchen haben heute ein paar Röstaromen mehr.“

Jetzt sah sie Lisas mitleidigen Blick. Sie schaute noch einmal auf den Grill. Dort lagen neben den leicht verkohlten Würstchen noch drei angebrannte Nackensteaks, einige halb geschwärzte Champignons und mehrere Kartoffeln, die aber nur von einer Seite schwarz waren. Über den Rand der Champignons schwappte in regelmäßigen Abständen die Kräuterbutter, mit denen sie gefüllt waren und erzeugten dadurch Stichflammen, wenn das Fett in die Glut tropfte.

„Ich weiß auch nicht, wie Papa das immer gemacht hat. Ich glaube, da muss ich noch viel dazu lernen. Grillen war noch nie meine Stärke. Ich koche lieber mit meinem Herd. Den kann man einfach an und aus machen und der macht, was ich will, aber es schmeckt so gut vom Grill.“

„Ist nicht schlimm“ antwortete Lisa, „es schmeckt bestimmt trotzdem und wenn nicht, haben wir ja noch Rohkost, Brot und Salat.“ Die standen auf dem Gartentisch, neben Merles Limonade und verschiedenen Dips.

Jannik lag ein Stück weiter, die Arme hinter dem Kopf verschränkt in einem Liegestuhl und schien von alldem nichts mitzubekommen. Auf der Nase hatte er eine große Sonnenbrille.

„Hi Jannik“, sagte Lisa, „was hast du denn heute noch so angestellt?“

„Garnichts“ kam seine Antwort in schläfrigem Ton. „Und werd‘ ich auch nicht, ist viel zu heiß. Ich beweg‘ mich erst wieder heute Nacht, wenn es ein bisschen kühler ist, hoffentlich. Und zum Essen stehe ich kurz auf“, ergänzte er noch.

Lisa lächelte.  So ein Stoffel dachte sie.

„Aber ich habe schon ganz viel gemacht.“ Merle goss sich aus der Flasche umständlich Limonade in ein großes Glas und verschüttete dabei eine Menge auf dem Tisch. Dann setzte sie es an und trank es in einem Zug aus. „Ah, lecker. Ich hab‘ nämlich Mama geholfen. Ich habe die Kartoffeln abgewaschen und den Salat und ich habe die kleinen Tomaten gewaschen, oh, die stehen noch in der Küche, und ich habe die Limonade gemacht, aber das habe ich ja schon erzählt, und ich habe alles rausgetragen. Bin gleich wieder da.“ Damit stürmte sie ins Haus.

„Na, dann lasst uns mal essen.“ Mama kam mit der Platte, mit Gegrilltem herüber und stellte sie auf den Tisch.

Jannik erhob sich im Zeitlupentempo und setzte sich dazu.

Jetzt kam auch Merle mit einer Schüssel voller kleiner dunkelroter Tomaten aus dem Haus zurück, in jeder Backentasche eine Tomate und eine mitten im Mund, die sie genüsslich zerkaute. „Hm, Lecker, ich esse heute nur Tomaten.“

Als alle saßen schaute sich Lisa auf dem Tisch um. „Sag mal, sollte es nicht Caprese geben?“

„Hm, ups, auch noch drinnen“ antwortete Merle und war schon wieder im Haus verschwunden. Nach wenigen Augenblicken war sie wieder zurück und stellte die Platte mit der italienischen Köstlichkeit auf den Tisch. Dabei balancierte sie sie umständlich aus, ohne jedoch etwas von dem Balsamico und dem Olivenöl, das darauf verteilt war zu verschütten.

„Bravo“, sagte Mama, „nichts verplempert“.

„Ja“, sagte Merle, „Toll ne, nur im Flur.“

Lisa musste vor Lachen losprusten, erntete dafür von ihrer Mutter aber einen strafenden Blick.

„Ich kümmere mich später darum“ bemerkte ihre Mutter nur.

Dann wandten sich alle ihrem Essen zu.

Spät an diesem Abend saß Lisa auf der Haustreppe und schaute über ihren Vorgarten. Im Haus war es absolut still, vergessen der Trubel des Spätnachmittags, als alle um den Esstisch gesessen hatten. Sie hatten gegessen, gescherzt und gelacht. Nun, in der heißen, trockenen Stille der Nacht, erschienen all diese Geräusche viel lauter und unwirklicher, eine weit entfernte Welt. Jetzt war kaum ein Geräusch zu hören. Nur ein paar späte Grillen gaben gelegentlich einen sirrenden Ton von sich. Ansonsten hörte Lisa nur die Stille in ihren Ohren rauschen.

Sie ließ ihren Blick schweifen. Überall waren die verschiedenen Pflanzen und Blumen zu erahnen. Nur diejenigen, die direkt vor der Mauer wuchsen, waren im Mondlicht, das diese erhellte, deutlich zu erkennen. Links sah Lisa ihre Stockrosen, die sich lang vor dem weißen Band ausstreckten. Im Haus brannte kein Licht mehr, so dass sich ihre Augen inzwischen an die sanfte, natürliche Beleuchtung gewöhnt hatten. Weiter hinten, jenseits der Mauer konnte Lisa deutlich das schwarze Band des Waldrandes erkennen. Weder dort noch hier im Garten bewegte sich etwas. Es war absolut windstill.

Vorhin noch hatte Lisa in ihrem Bett gelegen und zu schlafen versucht. Jedoch hatte sie rasch bemerkt, dass dies aussichtslos sein würde und so hatte sie es aufgegeben. Ihr Gehirn wusste, dass es Unsinn war, aber sie hatte sich trotzdem wieder so schuldig gefühlt. Alle hatten beim Grillen zusammengesessen, gescherzt und gelacht nur er konnte nicht dabei sein. Gerade das gemeinsame Grillen hatte er doch so geliebt. Lisa vermisste ihren Vater. Es war so plötzlich und unerwartet gekommen. Immer war er wie selbstverständlich da gewesen, ohne dass Lisa es bemerkt hätte und dann – dann war er plötzlich weg.

Es fühlte sich so an, als wollte ihr Innerstes sie dafür bestrafen, dass sie so undankbar gewesen war. Wie hatte sie nur annehmen können, es sei selbstverständlich, ein Mensch könnte immer da sein? Ja, sie fühlte sich undankbar und es fühlte sich an, als hätte sie es verdient, sich jetzt so schlecht fühlte. Ihr Kopf wusste, es konnte nicht stimmen, aber dennoch wollte das Gefühl nicht weichen.

Lisa seufzte, war sie doch nach draußen gegangen, um den Kopf wieder freizubekommen. Jetzt grübelte sie schon wieder über ihre Schuldgefühle nach. Sie schüttelte den Gedanken ab und versuchte sich auf die Sache zu konzentrieren, wegen der sie hierhergekommen war.

Wie sollte sie weiter vorgehen? Als erstes musste sie natürlich mit Tom sprechen, das war klar. Aber was dann? Sie beschloss, zuerst noch einmal zu Trudi zu fahren. So verrückt, wie es auf den ersten Blick aussah, war sie vielleicht gar nicht. Danach musste sie unbedingt mehr aus Frau Kruger herausbekommen. Sie würde Tom morgen fragen, ob er vielleicht eine Idee hatte, wie das zu bewerkstelligen wäre. Oh, Tom, wie peinlich.

Hinter sich hörte Lisa das leise Knarzen einer Treppenstufe. Als sie sich umdrehte, schob sich ihre Mutter durch den Türspalt nach draußen.

„Na, kannst du auch nicht schlafen?“ Ihre Mutter setzte sich zu ihr auf die Stufen.

Lisa sah sie an und lächelte. Es wollte ihr aber nicht so recht gelingen.

„Dein Rad habe ich übrigens in die Garage gestellt.“ Ihre Mutter wies mit der Hand auf den Gartenweg. Dann sah sie Lisa an.

„Ach, mein Schatz.“ Sie strubbelte ihr durch das Haar. In ihrem Blick lag Mitgefühl. „Du machst dir so viele Gedanken.“

„Ich weiß nicht, wie nicht.“ Lisa legte den Kopf an die Schulter ihrer Mutter. Eine Weile saßen die beiden da und sagten nichts.

„Weißt du, es ist ganz normal, wie es dir jetzt geht. Vielleicht kann ich es mir sogar ein kleines bisschen vorstellen. An dem Morgen, als Papa den Unfall hatte, war so wenig Zeit. Wir hatten es alle so eilig. Du musstest zur Schule, Merle in den Kindergarten und Papa hatte einen Termin.“ Ihre Mama wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Ich habe ihm nur einen flüchtigen Kuss gegeben. Wir haben uns gar nicht richtig verabschiedet.“ Sie schluckte. „Daran denke ich jeden Morgen.“ Sie schluckte noch einmal, wischte sich beide Augen trocken und schaute Lisa an. „Ach Mensch, dabei wollte ich dich doch aufmuntern.“

„Schon gut Mama, ich halt‘ das schon aus.“ Sie sah ihrer Mama in die Augen. „Geht es wohl allen Menschen so, die jemanden verloren haben?“

„Ich weiß es nicht“ antwortete ihre Mutter nur knapp.

Danach saßen die beiden noch eine Weile schweigend nebeneinander auf der Haustreppe und sahen in die Nacht hinaus. Schließlich schauten sich die beiden noch einmal an. Als sie sich zueinander beugten, um sich zu umarmen, stießen sie mit den Köpfen zusammen.

„Autsch“, entfuhr es beiden. Als sie bei dem Versuch gleichzeitig durch den Türspalt zu schlüpfen beinahe wieder zusammenstießen, brachen beide in Gelächter aus. Schnell versuchten sie sich wieder zu beruhigen, um die anderen nicht zu wecken.

„Ob das ein versteckter Hinweis von Papa war?“ Mama grinste. Papa hatte solche Scherze geliebt. Vorsichtig gaben sie sich einen Kuss und gingen ins Bett. Lisa schlief ein, kaum dass sie die Matratze berührte.

Der Himmel war strahlend blau und der Schnee glitzerte in der Sonne. Jedes Mal, wenn Lisa ausatmete, stieß sie eine dampfende Wolke in die eiskalte Winterluft. Es war so eisig, dass jeder Atemzug in ihrer Lunge schmerzte, doch das war Lisa egal. Sie hatten zwei Holzschlitten mitgenommen Und mit einem davon raste sie unentwegt den Hang herab und zog ihn anschließend wieder herauf, um abermals ins Tal herabzuschießen.

Ihr Papa lachte jedes Mal, wenn sie sich entgegenkamen, denn er diente als unermüdliches Zugtier für den zweiten Schlitten, den er und Jannis sich teilten. In diesem Augenblick sausten sie wieder jauchzend an ihr vorbei, während sie auf dem Weg nach oben war.

Dort auf der Kuppe verlief ein Weg, der durch eine einzelne Baumreihe von dem Abhang getrennt war, der im Sommer wohl eine Kuhweide sein musste, denn er war mit Stacheldraht eingezäunt. In dem offenstehenden Weidetor auf der Anhöhe stand Mama und winkte, Merle an der Hand.

Lisa beeilte sich, um zu Ihren zu gelangen. Als sie bei ihnen angekommen war, taten ihr vor Anstrengung die Beine weh, dennoch fühle sie sich überglücklich.

Am Morgen noch hatten alle gemeinsam mit Merle das ,s‘ geübt, Eis, Reis, weiß, besonders Jannik, König des Kindergartens, waren immer neue Wörter eingefallen. Nun stand Merle im Schnee, eingepackt in einen dicken Schneeanzug, Stiefel, eine Wollmütze mit Ohrenklappen, Handschuhe und sah aus wie ein kleiner unförmiger Teddybär. Mit erstauntem Gesichtsausdruck stand Sie da, zeigte unentwegt in alle Richtungen und sagte immer wieder „da, da, wei- ch, wei-ch“, wobei sie bei dem konzentrierten Versuch ein, s‘ zu sprechen zwischen dem ‚ei‘ und dem ,ch‘ eine konzentrierte Pause machte. Es war deutlich zu sehen, wie überwältigt sie von dem vielen Schnee war.

Es war aber auch herrlich. Den ganzen vorigen Tag und die Nacht hatte es durchgeschneit und jetzt lag die Landschaft unter einer dicken Zuckerdecke. Am Morgen war dann auch noch die Sonne rausgekommen. Nun konnte Lisa sich nicht satt sehen an der Winterlandschaft. Seit sie denken konnte hatte sie noch nicht so viel Schnee gesehen.

Jetzt waren auch Papa und Jannik wieder oben angekommen und Papa bewarf Lisa gleich mit einem Schneeball, den er blitzschnell geformt hatte.

„Ich verrate dir ein Geheimnis Lisa, damit bist du bei jeder Schneeballschlacht im Vorteil. Schau nicht auf den Schneeball, schau deinem Gegenüber in die Augen. Dann siehst du, was die Person vorhat und erkennst vielleicht schon im Voraus, wo der Ball hinfliegt. Ich glaube, das ist sowieso oft so im Leben. Man kann viel mehr erkennen, wenn man nur mal genauer hinschaut.“

Lisa warf ihrem Vater einen Schneeball ins Gesicht. Er spuckte eine große Portion Schnee aus, die ihm in den Mund geraten war.

„Vergiss es, ich glaube, das klappt doch nicht immer.“ Er lachte. In diesem Moment traf Jannik ihn mit einem weiteren Schneeball im Nacken. Papa drehte sich um, warf sich mit Gebrüll auf Jannik und wälzte sich mit ihm auf dem Boden.

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