Licht

Tag drei

Lisa war hellwach. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es erst sechs Uhr morgens war. Obwohl es schon unglaublich warm war, fühlte sie sich erholt. Es war eine schöne Erinnerung, die sie in der letzten Nacht noch einmal durchlebt hatte und eine Portion Schnee zur Abkühlung wäre jetzt genau das Richtige gewesen. Im Haus war es absolut still. Die anderen schliefen vermutlich noch.

Lisa schwang die Beine aus dem Bett. Die Kleidung vom Vortag roch intensiv nach Rauch. Daher öffnete Lisa den Schrank. Langsam ging ihr die Kleidung aus. Ihre Mutter hatte schon seit einigen Tagen nicht gewaschen.

Nach dem Gang ins Bad schlich Lisa in die Küche hinunter, um sich Frühstück zu machen. Im Haus war es immer noch ruhig. Sie setzte sich mit ihrem Müsli an den Küchentisch und blätterte in der Zeitung, die sie auf dem Weg nach unten von der Haustreppe gefischt hatte, allerdings konnte sie zuerst keinen einzigen Artikel darin finden, der sie interessierte. Die Politik machte Sommerpause und auch sonst schien in der Welt momentan nicht viel zu passieren.

Als es Lisa drinnen zu stickig wurde, nahm sie Zeitung und Müsli und setzte sich auf die Haustreppe. Im Lokalteil ging es um gestohlene Vorgartendeko, einen Ausflug für die örtlichen Senioren, für den es noch freie Plätze gab und einen entlaufenen Hund, der nach zwei Monaten irgendwo in Frankreich wieder aufgetaucht war. Ein Artikel sprang Lisa jedoch ins Auge.

Die Überschrift lautete ‚Verfahren gegen Unfallfahrer eingestellt‘. Lisa las den Artikel.

‚Zu dem Verkehrsunfall, bei dem in einem Wohngebiet in der letzten Woche ein Vierjähriges Mädchen ums Leben kam und dessen 32jähriger Vater lebensgefährlich verletzt wurde, hat die zuständige Staatsanwaltschaft heute eine Presseerklärung herausgegeben.

Demnach bestätigen Augenzeugen die Aussage des 57jährigen PKW-Fahrers, wonach die zwei Fußgänger plötzlich hinter einem Lieferwagen auf die Fahrbahn liefen und der Autofahrer dem Zusammenstoß in der engen Straße nicht mehr ausweichen konnte. Auch für ein Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit konnten die Gutachter keinen Hinweis finden. Das strafrechtliche Verfahren gegen den PKW-Fahrer wurde daher vorläufig eingestellt.‘

Das war traurig. Das kleine Mädchen war so alt wie Merle gewesen.

Von nebenan war zu hören, wie jemand die Haustür zuzog. Kurz danach sah Lisa Tom auf seinem Fahrrad am Gartentor vorbei den Hügel hochfahren und dabei kräftig in die Pedale treten. Sie sah ihm nach, bis er hinter der Kuppe verschwand.

Wow, er musste Fahrradfahren wirklich lieben, wenn er dafür in den Ferien so früh aufstand.

Lisa sah die Gartenwerkzeuge an der Mauer lehnen, also griff sie sich eine Harke und einen Eimer und begann, die Erde in den Beeten aufzulockern und hier und da ein paar wild gewachsene Pflänzchen auszuzupfen. Anschließend versorgte sie noch alles mit genügend Wasser für den Tag. Sie würde die Pflanzen erst spät am Abend wieder gießen, damit sie in der Sonne nicht verbrannten.

Als sie mit allem fertig war, hörte sie, wie nebenan das Garagentor geschlossen wurde und wenig später die Haustür ins Schloss fiel. Sie seufzte, stellte die Werkzeuge wieder an ihren Platz und ging rüber in den Vorgarten des Nachbarhauses. Lisa war ratlos. Sie konnte doch nicht einfach klingeln, dafür war es noch viel zu früh.

Auch wenn sie sich ein bisschen bescheuert vorkam, sammelte sie einige kleine Steinchen vom Weg auf und begann, sie an Toms Fenster zu werfen.

Es dauerte eine Weile, aber schließlich öffnete Tom das Fenster in dem Moment, als Lisa gerade wieder einen Kiesel hinaufschleuderte. Geschickt duckte sich Tom weg. Leicht verärgert schaute er zu Lisa hinunter.

„Was machst du denn hier?“ Jetzt wechselte sein Blick zu Verwunderung.

„Entschuldigung, aber ich wollte nicht klingeln, wegen deiner Großeltern, weißt du? Es ist noch so früh.“

„Okay“, warf Tom immer noch etwas verwundert ein.

„Oh, ich wusste, dass du schon wach bist, ich habe dich eben mit dem Fahrrad gesehen“, schob Lisa rasch nach.

„Ach so, ich verstehe.“ Tom wartete ab. Offensichtlich wollte er es ihr nicht zu leicht machen.

Lisa seufzte wieder. „Können wir reden?“

„Ja klar“, antwortete Tom. „Warte, ich komme runter.“

Als er unten ankam, war Lisa schon halb aus dem Gartentor. Tom sah ihr verwirrt nach.

„Ich dachte, du wolltest reden, wo willst du denn hin?“

„Sollen wir uns nicht drüben auf die Haustreppe setzen?“

Tom zeigte mit dem Daumen über seine Schulter. „Äh, wir haben auch eine Haustreppe. Vielleicht ist es dir noch nicht aufgefallen, aber die sieht sogar genauso aus, wie eure.“ Jetzt tauchte wieder dieses verschmitzte Grinsen in seinem Gesicht auf. Obwohl Lisa sehr nervös wegen des gleich folgenden Gesprächs war, ertappte sie sich bei dem Gedanken, dass sie dieses Grinsen irgendwie mochte.

„Du hast Recht“, gab sie zu, „ich dachte nur…, ach egal, komm wir setzen uns hierhin.“

„Sag ich doch“ antwortete Tom und die beiden ließen sich auf der Treppe nieder.

Danach sagten sie erst einmal nichts mehr. Schweigend saßen sie da und schauten in den Vorgarten. Tom wartete darauf, dass Lisa das Gespräch beginnen würde und Lisa dachte darüber nach, was sie sagen sollte. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie sich noch gar keine Worte zurechtgelegt hatte. Das gab Tom die Gelegenheit, sich die Bepflanzung vor seinem Haus zum ersten Mal in seinem Leben bewusst anzusehen.

„Jetzt weiß ich, warum du lieber drüben sitzen wolltest“, sagte er nach einer Weile. „Der Ausblick hier ist ja wirklich trostlos.“

Sein Blick schweifte über die vertrocknete Rasenfläche, einige abgestorbene Blumen, von denen er nicht einmal mehr erkennen konnte, was sie einmal waren, bis hin zu einem einzelnen, noch mäßig belaubten Busch, der zwar scheinbar noch lebte, jedoch sichtlich unter andauerndem Wassermangel gelitten hatte.

„Ich könnte versuchen meine Großeltern davon zu überzeugen, dass es für die Pflanzenwelt besser wäre, wenn sie dich mal an unsere Beete lassen würden. Aber das hat Zeit, also spuck ‘s aus, warum wolltest du mich so dringend sprechen?“

Lisa seufzte nun schon zum dritten Mal an diesem Morgen.

„Ich glaube, ich sollte mich bei dir entschuldigen.“

„Wofür?“ erwiderte Tom ehrlich erstaunt.

Lisa erkannte, dass er offensichtlich wirklich nicht wusste, was sie meinte.

„Für gestern natürlich.“ Lisa beeilte sich mit ihrer Erklärung. Je schneller es raus war, desto besser. „Ich hab‘ dich doch total blöd stehen gelassen, tut mir leid.“

„Ach das meinst du. Klar, ich war schon ziemlich baff, als du so bei Trudi rausgerauscht bist. Deshalb musst du dich aber nicht entschuldigen. Ich hab‘ gesehen, was für einen Schock du bekommen hast, als sie deinen Vater erwähnt hat. Damit hast du nicht gerechnet. Du wusstest nicht, dass er mit ihr Kontakt hatte, oder?“

Lisa schüttelte den Kopf.

„Schade ist nur, dass wir das Gespräch nicht zu Ende führen konnten. Wenn es dir recht ist, fahren wir bei Gelegenheit nochmal hin. Überhaupt habe ich über dein Rätsel nachgedacht. Wenn wir da etwas rausbekommen wollen, müssen wir mit einigen Leuten sprechen. Auf meiner Liste steht Frau Kruger, vielleicht auch ihr Mann, wenn aus dem eher was rauszubekommen ist, meine Oma und mein Opa, dieser Journalist und natürlich nochmal Trudi. Am besten, wir machen uns auch ein paar Notizen, damit wir nicht durcheinanderkommen.“

„Wow.“ Jetzt war Lisa wirklich beeindruckt. Tom war exakt auf die gleichen Gedanken gekommen, wie sie selbst. Gerade als sie dies Tom mitgeteilt hatte, kam seine Großmutter aus der Tür.

„Hallo Lisa, was machst du denn schon so früh hier?“ fragte sie und schaute freundlich zu Lisa herunter.

„Guten Morgen Frau Brink, ich war schon so früh wach, weil es so heiß in meinem Zimmer ist. Da habe ich mich schon mal um meinen Bauerngarten gekümmert und als ich Tom mit seinem Fahrrad gesehen habe, dachte ich, ich schau mal vorbei.“ Lisa lächelte zurück.

„Ja, deinen Bauerngarten habe ich auch schon bewundert, der ist wirklich toll.“ Frau Brinks Blick glitt über ihren eigenen Vorgarten. „Unserer ist eher, wie soll ich sagen, übersichtlich?!“

„Übersichtlich passt. Am besten, wir steigen auf Wüstenpflanzen um. Ich hatte aber noch eine bessere Idee. Was hältst du davon, wenn wir Lisa mal da ranlassen?“ warf Tom ein.

„Ja, da sollten wir bei Gelegenheit drüber sprechen. Hast du vielleicht Lust mit uns zu frühstücken Lisa? Dann sage ich meinem Mann, er soll ein paar Brötchen mehr mitbringen. Er kennt den Bäcker und bekommt deshalb immer schon welche, wenn der Laden noch gar nicht auf hat. Sie kennen sich schon aus Jugendtagen.“

„Gerne, ich habe zwar vorhin schon eine Kleinigkeit gegessen, aber da kann ich nicht widerstehen. Ich gehe nur schnell rüber und schreibe einen Zettel, damit sich keiner Sorgen macht. Im Moment schlafen noch alle.“

„Schön, dann bis gleich. Dann erzähle ich euch auch die Geschichte von Toms Opa und dem Bäcker. Schlimme Schwerenöter waren das damals.“

Kurz darauf saßen die vier im Nachbarhaus um den Küchentisch und Toms Großmutter erzählte.

„Toms Opa war früher ein ganz schlimmer. Reichst du mir mal bitte die Butter Schatz? Unter der Woche war er ganz harmlos aber am Wochenende haben er und sein Freund so richtig aufgedreht. So, und dieser Freund, das war der Bäcker. Das heißt, damals war er noch Lehrling in der Bäckerei seines Vaters. An den Wochenenden sind sie immer mit ihren Motorrädern rumgeflitzt und haben die Gegend unsicher gemacht.“

Toms Opa lachte. „Ich hatte eine Kreidler Florett, mein Freund Fred hatte genauso eine, für heutige Verhältnisse ein ganz kleines Ding. Zu der Zeit waren wir damit im Dorf aber die Helden. Ne tolle Maschine war das. Das Geld dafür hatten wir uns selbst zusammengespart. Ich war gerade erst achtzehn geworden und ein Auto war viel zu teuer.“

„Alle Jungs im Dorf waren jedenfalls neidisch“, unterbrach Toms Oma.

„Oft haben wir die Nächte durchgemacht und früh am nächsten Morgen habe ich Fred geholfen, den Teig für die Brötchen fertig zu machen und in den Ofen zu schieben. Das war seine Aufgabe. Sein Vater war ein netter Kerl, der hat ihm das durchgehen lassen. Meistens hatte er schon ganz viel vorbereitet und war dann ins Bett gegangen, wenn wir in die Backstube kamen. Wenn alles fertig war, haben wir zusammen gefrühstückt und Freds Mutter hat übernommen. Sie hat dann den Laden aufgemacht und stand da hinter der Theke. Ich durfte auch immer Brötchen mit nach Hause nehmen, wenn ich gegangen bin. Am liebsten hätte Freds Vater mich als Lehrling genommen. Schon damals wollte keiner Bäcker werden wegen der Arbeitszeiten, aber ich hatte ja meine Lehre als Elektriker. Die Montage, wenn ich wieder in meinen Betrieb fahren musste, waren übrigens ziemlich hart. Ich war oft todmüde und habe den ein oder anderen Anschiss, Verzeihung, von meinem Meister bekommen. Seit damals hole ich immer noch jeden Morgen Brötchen bei Fred bevor der Laden öffnet. Er ist immer noch mein bester Freund.“

„Deshalb gibt es Frühstück bei uns immer schon vor Sieben“, warf Tom ein, „also beim nächsten Mal, klingle ruhig.“

„Zurück zum Thema“, übernahm seine Oma wieder. „Freitags und samstags tauchten die beiden Rocker so gut wie immer in der Milchbar auf, dem Treffpunkt der Dorfjugend. Die könnt ihr aber nicht kennen, die gibt’s schon lange nicht mehr. Man sieht aber noch, wo sie früher mal war. Wenn ihr mit dem Bus zur Schule fahrt, achtet einmal darauf, kurz hinter dem Ortsausgang auf der linken Seite stehen ein paar verfallene Gebäude, eine Tankstelle und daneben die alte Milchbar, beides in einem typischen 50er-Jahre-Baustil.“

„Da war früher richtig viel los.“ Jetzt ergriff Toms Opa wieder das Wort. „Die Landstraße war viel befahren, der ganze Verkehr ging durchs Dorf. Autobahnen gab es ja noch so gut wie keine. Also musste auch der Fernverkehr durch die Dörfer. Nicht, dass wir verkehrstechnisch jetzt wirklich gut angebunden wären, es ist aber kein Vergleich zu früher. Deshalb lag auch Terry’s‘ günstig, so direkt an der Straße, mit dem großen Platz davor.“

„Nun schweifst du aber ab, mein Göttergatte“, sagte Toms Großmutter. „Eigentlich lief die Geschichte doch darauf hinaus, wie wir uns kennengelernt haben, oder nicht?“

„Ja, da hast du Recht, meine Liebste. Dann erzähl doch mal, wie war das denn?“

„Langweilen wir dich auch nicht mit unseren alten Geschichten mein Kind?“ Toms Oma wandte sich direkt an Lisa.

Diese schüttelte heftig den Kopf, fasziniert hatte sie bis jetzt zugehört. Sie liebte Geschichten und diese Art Geschichten von früher besonders.

„Nein“, sagte sie nur, „ganz und gar nicht, bitte erzählen sie weiter.“

„Also gut, dann erzähle ich weiter, aber greif bitte auch zu, vergiss nicht zu essen“, ergänzte Toms Oma, denn das Frühstück war beinahe zum Erliegen gekommen. „In Ordnung. In der Milchbar haben sich jedenfalls alle jungen Leute getroffen. Einige leben immer noch hier. So wie Opa und ich, wir sind nie so richtig hier rausgekommen, wollten wir auch nicht, wir sind echte Dorfkinder. Die große weite Welt ist zwar verlockend, wenn man jung ist, aber irgendwie hat es uns immer wieder hierher zurückgezogen.

So, jetzt aber zu der Kennenlerngeschichte. Freitags und samstags habe ich mich regelmäßig mit meinen Freundinnen in der Milchbar getroffen, ein ganz schicker, moderner Laden damals. Die hatten sogar eine Jukebox. Wir haben immer abwechselnd Münzen reingeworfen und wild getanzt. Ach Gott, ihr wisst bestimmt überhaupt nicht, was eine Jukebox ist. Die meisten hatten keine Möglichkeit, zuhause selbst Musik abzuspielen, nicht so wie heute. Wenn uns jemand erzählt hätte, wie das heute geht, mit den Handys, wir hätten ihn für verrückt gehalten. Wenn wir ein eigenes Radio hatten, waren wir schon glücklich. Eine Jukebox ist jedenfalls ein Automat, der mit ganz vielen Schallplatten befüllt ist, die ein Greifarm auf einen Plattenspieler legt und sie dann abspielt. Vorne gibt es eine Liste mit Zahlen und den Titeln und wenn du den entsprechenden Knopf drückst, wird dein ausgesuchtes Lied gespielt. Du musst aber immer wieder Geld einwerfen, um Musik abzuspielen. Für uns war es immer ein Feiertag, wenn die Box mit neuen Platten bestückt wurde, das kam nämlich nicht so häufig vor.“

Jetzt konnte sich Toms Opa augenscheinlich nicht mehr zurückhalten. „Eines Abends kamen Fred und ich in die Bar und die Mädchen haben wild getanzt. Deine Oma war nämlich ein ganz heißer Feger, Tom.“

„Peter!“ Toms Oma sah ihn verlegen an.

“ Aber so war es doch und das muss auch mal gesagt werden“, setzte er seine Erzählung fort. „Es lief ein Lied von Elvis Presley.“

“ Devil in disguise“, unterbrach sie wieder.

„Ja genau, und der Text passte genau auf sie, wie sie da so wild getanzt hat in ihrem sexy Kleid.“

„Peter, nun machst du mich aber wirklich verlegen. Was sollen denn die Kinder denken?“

Es machte Spaß, den beiden zuzuhören und zuzusehen. Lisa und Tom wechselten einen kurzen Blick.

„Die Kinder sollen das ruhig Wissen.“ Toms Großvater schaute seine Frau verliebt an. „Sie war wunderschön damals und das ist sie immer noch. Um es kurz zu sagen, ich habe mich sofort unsterblich in sie verliebt.“ Er drückte seiner Frau einen Kuss auf die Lippen und erzählte weiter. „Ich blieb wie angewurzelt im Eingang stehen und Fred ist von hinten in mich reingelaufen.“

„Eine Freundin hat mir später erzählt, er soll mit ganz entgleistem Gesicht dagestanden haben. Verzeih mir Peter, wenn ich das so frei heraus erzähle, aber die Kinder sollen ja einen richtigen Eindruck haben, wie es genau war.“ Sie schaute ihren Mann verschmitzt von der Seite an.

„Danke Dorothe, dieses wichtige Detail wollte ich natürlich nicht unterschlagen“, antwortete er mit gespielter Entrüstung. „Fred hat natürlich sofort gemerkt, was los war und hat mich gedrängt, sie anzusprechen. Ich war als junger Mann sehr schüchtern. Ohne Fred hätte ich mich vielleicht nicht getraut, aber er hat nicht lockergelassen. Wegen unseres Auftretens, wir sind ja immer mit unseren Motorrädern rumgebraust, ich hatte genauso eine Lederjacke wie James Dean, ihr wisst schon, was ich meine, deshalb haben uns alle für ganz harte Kerle gehalten. Das gefiel uns auch, aber eigentlich stimmte es nicht. Ich war wirklich schüchtern.

Ich war so nervös, dass Fred und ich uns erst einmal an einen der Tische gesetzt haben. In der Bar war alles so gemacht wie in den amerikanischen Filmen. Nachdem ich meine Coca-Cola in einem Zug heruntergekippt hatte, hat Fred mich einfach mit den Worten von der Bank geschoben: ‚Peter, wenn du sie jetzt nicht ansprichst, bist du ein Idiot!‘ Und ich habe gewusst, wenn ich es nicht tue, werde ich es mein ganzes Leben lang bereuen. Also habe ich all meinen Mut zusammengenommen, bin zu ihr hingegangen, habe mich direkt vor sie gestellt und habe gesagt: ‚Entschuldige, wenn ich so unverschämt bin, …“

„… aber würdest du mir die Ehre erweisen, mit mir zu tanzen?“, vervollständigte Toms Oma den Satz.

„Sie hat danach den ganzen Abend nur noch mit mir getanzt. Ich war im siebten Himmel. Ja, und was aus uns geworden ist, das seht ihr ja.“ Toms Opa nahm die Hand seiner Frau, gab ihr einen Kuss auf den Handrücken und biss dann herzhaft in sein Brötchen. Deutlich war das Knacken der Kruste zu hören und die gemurmelten Worte „danke Fred“.

Während des restlichen Frühstücks trafen sich immer wieder Toms und Lisas Blicke, denn beide freuten sich über die Art, wie Toms Großeltern fortwährend miteinander turtelten. Eigentlich war es Lisas Plan gewesen, sie während des Frühstücks auszufragen, aber das war eindeutig nicht der richtige Augenblick dafür.

Schließlich brachte Tom Lisa noch rüber. Gemeinsam schlenderten sie durch Lisas Vorgarten. Sie atmete hörbar aus. Es war frustrierend.

„Solange wir uns nicht trauen zu fragen oder niemand antworten will, wenn wir fragen, wird das nichts. Wir sind noch kein Stück weitergekommen.“

„Du hast recht“, antwortete Tom, „ich habe aber eine Idee, was wir machen können. Ich sage dir Bescheid, wenn es klappt. Wir kommen schon noch an Informationen.“

Damit verabschiedeten sie sich.

Gegen elf Uhr stand Tom wieder vor der Tür.

„Komm mit, wir haben einen Termin beim Pfarrer“ Tom stand in voller Montur mit Fahrradhelm und Handschuhen vor der Tür. Sein Fahrrad parkte vor dem Gartentor.

„Hättest du mich nicht wenigstens vorher fragen müssen, bevor wir heiraten?“ Es bereitete Lisa ein diebisches Vergnügen zuzusehen, wie Toms Kopf feuerrot anlief. “ Schon gut. Verrätst du mir denn, was wir beim Pfarrer wollen?“

Tom schwenkte wieder auf normale Gesichtsfarbe um. „Trudi hat doch erzählt, dass den Vater ihr Einträge aus den Kirchenbüchern gezeigt hat. Da dachte ich, das schauen wir uns am besten persönlich an.“

„Und das fand der Pfarrer nicht merkwürdig?“

„Ich habe ihm einfach erzählt, wir hätten uns freiwillig für ein Ferienprojekt der Schule gemeldet. ‚Wandel von Familienstrukturen im dörflichen Umfeld, im Laufe der Jahrhunderte‘.“

„Ich hätte nicht gedacht, dass du so ein abgebrühter Lügner bist. Und dann auch noch beim Pfarrer.“

„Ich habe eben verborgene Talente. Ich kann es ja später beichten.“ Da war es wieder, das Tom-Grinsen.

„Na dann los.“ Lisa fischte ihren Helm vom Haken.

„Nimm was zu schreiben mit und dein Handy, falls wir es brauchen.“

Zehn Minuten später schellten sie beim Pfarrer, der sie unter Lobpreisung ihres Fleißes, dass sie trotzt dieser Hitze biblischen Ausmaßes, die Mühe auf sich nahmen und für den Erhalt und die Überlieferung der doch so wichtigen Gemeindekultur arbeiteten, ins Gemeindearchiv geleitete. Es war ein bisschen peinlich. Das Archiv befand sich im Keller des alten Pfarrhauses. Hier roch es modrig nach altem Papier, aber es war herrlich kühl.

„Dein Vater, Gott halb ihn selig, war übrigens kurz vor seinem tragischen Unfall auch mehrmals hier. Er schrieb an einem Artikel über Hochzeiten auf dem Dorf. Schade, nun werden wir diese hochinteressante Abhandlung wohl nie zu lesen bekommen, aber so wie es aussieht, trittst du wohl in seine Fußstapfen.“

Lisa drehte sich vom Pfarrer weg, damit er nicht bemerkte, wie sie sich das Lachen verkniff. Papa hatte den Pfarrer also auch angelogen.

Der Pfarrer legte ihr von hinten eine Hand auf die Schulter. „Es muss schwer für dich sein, meine Tochter“ hauchte er in salbungsvollem Ton. Offenbar nahm er an, die Gefühle hätten sie übermannt.

Lisa trat Tom unauffällig vors Schienbein, denn er biss sich auf die Unterlippe, um nicht laut loszuprusten und sie befürchtete, der Geistliche könnte doch Verdacht schöpfen. Zum Glück war der Pfarrer bereits so damit beschäftigt, ihnen die Aufteilung des Archivs zu erklären, dass er nichts bemerkte.

„So“, beendete er seine Ausführungen, „nun lasse ich auch eine Weile allein. Ich habe noch zu tun. Meine Haushälterin bringt euch gleich noch eine Kanne Tee. Wenn ihr Fragen habt, läutet oben an der Haustür.“

„Tee? Oh, das ist doch nicht nötig. Wir haben keinen Durst,“ sagte Lisa schnell, denn sie fürchtete, doch noch aufzufliegen, sollte die Haushälterin ihnen bei ihren Recherchen allzu genau über die Schulter sehen.

„Doch, doch“, insistierte der Pfarrer, „der Körper braucht Nahrung, damit die Seele gesund bleibt.“

Noch ehe Lisa weiter protestieren konnte, war er verschwunden.

„Der Körper braucht Nahrung, damit die Seele gesund bleibt“, äffte Tom ihm nach, als der Geistliche die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Lisa brachte noch ein „pst, nicht, dass er dich hört“ heraus, bevor sie beide in Gelächter ausbrachen.

„Okay“, sagte Tom und wischte sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln, „an die Arbeit.“

Es gab viel zu tun, daher teilten Tom und Lisa sich auf und jeder beschäftigte sich mit einem anderen Zeitabschnitt. Schnell wurden sie fündig. Zuerst schrieben sie noch alles detailliert auf. Die Aufzeichnungen über Ungewöhnliche Begebenheiten in der Gemeinde, Eisnächte, übernatürliche Lichterscheinungen, Begegnungen mit Verstorbenen, waren jedoch so zahlreich, dass sie dazu übergingen, die entsprechenden Seiten abzufotografieren und nur noch Jahrgang und Seite des Kirchenbuchs zu notieren. Es war jedoch kein Schema erkennbar. In manchen Jahren gab es dutzende Vorfälle, in anderen keinen einzigen.

Recht bald fand Lisa den Bericht zu dem Exorzismus, den Trudi erwähnt hatte. Bis ins Kleinste wurde darin geschildert, was der damalige Pfarrer mit Hilfe der Mitglieder des Gemeinderates angestellt hatte, um dem armen Kerl die vermeintlichen Dämonen auszutreiben. Schlafentzug, das Vorenthalten von Nahrung und Wasser und rituelle Teufelsaustreibungen waren noch das harmloseste. Schließlich war der Mann an den Folgen der Folter gestorben, was in der Beschreibung jedoch den Dämonen angelastet wurde. Stattgefunden hatten die Ereignisse erst im 19. Jahrhundert, im Keller des Pfarrhauses, also dort wo sie sich jetzt befanden. Lisa lief ein Schauer den Rücken herunter.

Vermutlich hatte der jetzige Pfarrer sich nie eingehend mit den alten Kirchenbüchern beschäftigt, denn sonst hätte er zwei Jugendlichen wohl kaum Einsicht gewährt.

Besonders viele Einträge fand Tom in der Zeit zwischen 1939 und 1945. Mehrmals wurde beschrieben, dass zuvor im Krieg schwer Verwundete heimgebracht wurden, dann aber doch ihren Verletzungen erlagen. Dorfbewohner sahen sie danach durch den Ort und den Hügel hinauflaufen. Jedes Mal verbarrikadierten sich die Anwohner in ihren Häusern, bis der Spuk vorbei war.

Die Schilderungen endeten abrupt Anfang der 1950er Jahre. Danach gab es in den Büchern nur noch Eintragungen zu Hochzeiten, Todesfällen, Erstkommunionen und sonstigen Kirchlichen Anlässen. Die Gemeinde hatte offensichtlich beschlossen, die unerklärlichen Ereignisse zukünftig zu verschweigen.

Als die Haushälterin den Tee brachte, eilte Lisa zur Tür, nahm ihn ihr gleich ab und komplimentierte sie geschickt wieder hinaus. Bei Beendigung der Arbeit hatten sie das Getränk noch nicht angerührt. Aus Höflichkeit stürzten sie je zwei Tassen herunter, nachdem sie alle Bücher wieder wegsortiert hatten und verabschiedeten sich beim Pfarrer. Zum Abschluss mussten sie ihm versprechen, ein Exemplar ihrer Ferienarbeit vorbeizubringen, sobald sie fertiggestellt wäre.

Als sie oben bei den zwei alleinstehenden Backsteinhäusern ankamen, fühlte Lisa sich schon wieder so, als bräuchte sie dringend eine Dusche und auch Tom machte einen völlig überhitzten Eindruck. Sein Kopf war knallrot. Lisa mochte sich gar nicht ausmalen, wie ihr Spiegelbild wohl aussah. Duschen musste jetzt erst einmal warten. Sie zeigte auf Toms Haus.

„Wir gehen zu dir.“

„Äh, …“ Tom wollte protestieren, aber noch ehe er richtig zu einer Erwiderung angesetzt hatte, war Lisa an der Eingangstür und klingelte. Es folgte ein „Es ist offen“ von Toms Großmutter aus der Küche und schon war Lisa auf der Treppe nach oben verschwunden.

„Es ist offen“, wiederholte er resigniert und ergab sich in die unausweichlich folgende Peinlichkeit. „Wir sind wieder da Oma“, meldete er sich zurück und eilte Lisa hinterher, die in dem Augenblicke die Klinke zu seinem Zimmer herunterdrückte, als er sie erreichte. Sie schob die Tür auf, musste aber auf dem letzten Stück einen Widerstand überwinden.

„Was ist denn hier los?“ Lisa stand fassungslos da. Hinter der Tür stapelte sich ein riesiger Berg Wäsche.

„Ich wollte es dir erklären, aber du bist ja einfach losgestiefelt. Ist mir das peinlich.“ Der letzte Satz war eigentlich unnötig, denn das konnte Lisa auch so sehen. Sein Kopf wurde noch roter, als er ohnehin schon war.

„Kompostieren hat wohl nicht funktioniert. Bist du jetzt dazu übergegangen, die Schmutzwäsche auf Halde zu legen?“ Sie konnte sich diese kleine Spitze einfach nicht verkneifen.

„Sehr witzig!“ Jetzt wurde Tom ärgerlich. „Ich war gerade beim Aufräumen, als du mich heute Morgen mit Steinen beworfen hast und du hättest ja auch nicht gleich durchrennen müssen.“

„Entschuldigung, war ein blöder Witz. Sollen wir lieber zu mir rübergehen?“

„Nicht nötig, jetzt ist es eh zu spät. Schlimmer kann es wohl nicht mehr werden. Komm setz dich.“ Er setzte sich an den Schreibtisch und wies mit der Hand auf den zweiten Stuhl, der noch danebenstand.

„Ähm“ brachte Lisa nur hervor, als ihr Blick auf eine einzelne Unterhose auf der Sitzfläche fiel.

Tom fing ihren Blick auf, legte noch einmal eine Spur Rot im Gesicht zu, griff schnell nach der Unterhose und ließ sie möglichst unauffällig unter dem Schreibtisch verschwinden.

„Schlimmer geht immer.“ Tom versuchte sich an einem verlegenen Lächeln.

„Also, was haben wir?“ Lisa wurde sachlich. „Dass hier nachts manchmal Tote rumlaufen, können wir, denke ich, inzwischen als Fakt annehmen, denn was Trudi erzählt, deckt sich mit Teilen dessen, was ich selbst erlebt habe. Außerdem hat mein Vater es laut Trudi auch geglaubt und ihre Aussage wird von den Einträgen im Kirchenregister bestätigt. Das haben wir selbst überprüft.“

„Leider wissen wir immer noch nicht, wer die Menschen waren, die du im Wald gesehen hast, denn darüber stand nichts in den Kirchenbüchern, weil es keine aktuellen Eintragungen gibt und im Dorf niemand, Trudi mal ausgenommen, mit uns darüber sprechen will. Davon können wir nach der Reaktion von Frau Kruger und unseren bisherigen Erkenntnissen ausgehen.“

„Nichtsdestotrotz sollten wir es wenigstens versuchen. Deine Großeltern können wir später noch ansprechen, also fahren wir gleich erst einmal zu Terry’s und kaufen unverbindlich ein Eis. Es wäre doch verhext, wenn wir nichts rausbekämen.“

Tom nickte. „Das macht Sinn.“

„Na dann. In zehn Minuten vor dem Haus. Ich muss unbedingt vorher duschen.“ Damit war sie verschwunden.

In ihrem Zimmer angekommen raffte Lisa nur ein paar Sachen zusammen, viel Auswahl gab es nicht, denn ihre Mutter hatte immer noch nicht gewaschen, und eilte ins Badezimmer.

„Ach, du bist hier drin.“

Merle stand in Unterwäsche vor dem Spiegel und versuchte abwechselnd in ihn hinein und um ihren Körper herum zu sehen.

„Mein Po ist so klein, viel kleiner als deiner.“ Jetzt bog sie sich um Lisa herum, um einen Blick auf deren Hinterteil zu erhaschen.

Lisa musste lachen. „Danke für das Kompliment.“

„Ja, so ein dicker Po ist schön.“

„Nochmal danke.“ Lisa prustete los.

„Warum lachst du?“ Merle runzelte die Stirn.

„Ach nichts, ich erklär‘ es dir später mal.“

„Okay, aber jetzt musst du wieder rausgehen, ich bin noch nicht fertig.“ Merle drehte sich wieder zum Spiegel.

„Ich muss aber duschen. Ich bin gleich wieder mit Tom verabredet.“

Merle legte den Kopf schief und wieder gerade und antwortete, „dann kannst du bleiben.“

„Super, danke.“ Lisa schlüpfte aus ihrer Kleidung und unter die Dusche. „Merle, kannst du gleich meine Sachen in den Wäschekorb werfen? Ich habe es sehr eilig.“

„Klaro“, antwortete diese, gefolgt von der Bemerkung, „dein Po ist so dick.“

Lisa sah an sich herunter. Eigentlich war sie sehr zufrieden.

Zurück in ihrem Zimmer fiel Lisa der Ausdruck auf, den sie achtlos auf das Nachttischchen geworfen hatte. Sie nahm ihn und überflog ihn ein weiteres Mal. Ihr Blick blieb an der Signatur hängen. Rasch öffnete sie ihre Briefekiste und griff nach der Visitenkarte, die obenauf lag. Darauf stand der gleiche Name, wie unter dem Zeitungsartikel. Eilig komplettierte sie ihre Kleidung mit einem paar Sandalen und rannte wieder zu Tom rüber. Diesmal klingelte sie weder, noch wartete sie auf ein, Herein‘ vor Toms Tür. Sie riss sie nur auf und stand gleich darauf atemlos mitten in seinem Zimmer.

Tom wirkte etwas konsterniert. Vermutlich war er froh, dass er geschafft hatte, sich noch rechtzeitig anzuziehen, denn auch er hatte geduscht, was man leicht an seinen nassen Haaren erkennen konnte.

„Du hast gesagt, zehn Minuten.“

„Sieh dir das an.“ Sie drückte Tom den Ausdruck und die Karte in die Hand. „Er und mein Vater haben sich gekannt.“

Tom nahm sein Telefon vom Schreibtisch und drückte es Lisa in die Hand.

„Ruf ihn an.“

Sie wählte fahrig die Nummer. Zweimal musste sie sich dabei korrigieren, so nervös war sie. Wenige Augenblicke später war das Freizeichen zu hören und gleich darauf die Stimme eines Mannes am anderen Ende der Leitung.

„Seller, hallo?“

„Lisa Kugler, hallo, mein Vater ist, ich meine war…“

„Ich weiß, wer dein Vater war“, unterbrach sie der Mann, „ich hatte gehofft, dass du anrufst. Können wir uns treffen?“

Lisa verschlug es für einen Augenblick die Sprache.

„Hallo, bist du noch dran?“

„Na klar, ich bin nur ein bisschen durcheinander. Ich wollte sie nämlich gerade das gleiche fragen.“ Lisa war immer noch verwirrt. „Warum wollen sie sich denn mit mir treffen?“

„Das erkläre ich dir am besten in Ruhe. Wie machen wir das am besten?“

„Kein Problem, wir können vorbeikommen, sind ja Ferien. Wo sie wohnen, weiß ich, ich habe doch ihre Karte. Ich bringe noch einen Freund mit. Ist das okay?“

„Na klar, bring ihn mit. Wann könnt ihr denn?“

„Geht es gleich morgen?“ Lisa war nervös.

„Okay, um Zehn? Ich mach Frühstück. Oder ist das zu früh?“

„Nein, nein“, antwortete Lisa eilig, „zehn Uhr ist super, wir sind da. Dann bis morgen.“ Sie legte schnell auf. Die Verabschiedung des Journalisten hörte sie schon gar nicht mehr.

Tom grinste sie an. „Einen Freund?“

„Jetzt werde nicht gleich eingebildet.“

Toms Grinsen verschwand.

Lisa verdrehte die Augen. „Kommunikation ist mit dir aber auch schwierig. Komm schon, wir fahren zu Terry’s.“

Das Grinsen, das sich nun erneut über Toms Gesicht ausbreitete, entging Lisa, als sie sich abwandte und den Raum verließ.

„Ich bin gleich wieder da.“ Lisa drückte Tom ihr Fahrrad in die Hand.

„Aber hier draußen ist es total heiß“, protestierte Tom.

„Du wartest hier. Das mache ich allein“, erwiderte Lisa mit fester Stimme.

„Okay Chef.“ Tom machte sich daran, die Fahrräder abzuschließen. Dafür wickelte er eine lange Kette ab, die er eigens dafür um die Sattelstange gewunden hatte.

Lisa ging die Stufen zu Veranda hoch und betrat den Laden. Die Tür schwang auf und Lisa wogte gleich eine eiskalte Welle Klimaanlagenluft entgegen. Sie war sehr aufgeregt und obwohl sie sich vorher schon ein paar Sätze zurechtgelegt hatte, traute sie sich nicht, Frau Kruger gleich anzusprechen. Daher begrüßte sie sie nur und verschwand in den ersten Gang mit den Schreibwaren.

Fahrig nahm Sie einige Stifte aus der Auslage und probierte sie auf dem bereitliegenden Block aus. Frau Kruger stand hinter dem Tresen mit der Kasse, den Rücken dem Verkaufsraum zugewandt und sortierte Zigarettenschachteln aus einem Karton in das Regal an der Wand, direkt neben den Gläsern mit den Süßigkeiten. Immer wieder sah Lisa zu ihr herüber. Sie hatte die Hoffnung, dass Frau Kruger sich umdrehen und sie ansehen würde, vielleicht mit einem Satz wie „kann ich dir helfen?“, so dass ihr gar keine andere Möglichkeit blieb, als ihren ganzen Mut zusammenzunehmen und das Gespräch zu führen, wegen dem sie hergekommen war.

Jedoch drehte Frau Kruger sich nicht um. Ein Zigarettenpäckchen nach dem anderen nahm sie aus dem Karton und stellte es in das entsprechende Fach. Lisa sah auf den Block vor sich. Sie hatte ihn schon halb vollgekritzelt, ohne es zu bemerken. Es half nichts, sie musste zur Theke gehen und Frau Kruger ansprechen.

Gerade, als sie den Stift wegstellen und den ersten Schritt machen wollte, betrat eine Frau mittleren Alters, vielleicht um die fünfzig, den Laden. Die Glöckchen über dem Eingang klingelten, Frau Kruger drehte sich jedoch immer noch nicht um. Die unbekannte Frau blieb unsicher einen Moment stehen und blickte Richtung Theke. Dann schaute sie Lisa direkt an und lächelte. Lisa lächelte zurück. Verlegen wandte sie sich wieder den Stiften zu.

Die Frau trat an die Theke und wartete. Es dauerte noch eine Weile, bis Frau Kruger den Blick der Frau in ihrem Rücken spürte. Sie drehte sich um, in jeder Hand noch ein Päckchen Zigaretten.

„Was kann ich für sie tun?“ fragte Frau Kruger freundlich.

„Margret Kruger?“

„Kennen wir uns?“ Frau Kruger sah verwirrt aus.

„Ich bin Josie, also eigentlich Josefine aber alle nennen mich Josie.“ Es war zu spüren, dass der Frau die Worte nicht leicht vielen. Sie sammelte sich kurz, dann sprach sie weiter. „Ich bin Helenes Tochter.“

Die Zigaretten glitten Frau Kruger aus den Händen auf den Tresen. „Aber… das kann nicht sein.“ Jetzt brauchte auch sie einen Augenblick, um sich zu sammeln. „Walter, kommst du mal bitte. Du musst mal übernehmen.“

Herr Kruger kam gleich aus dem Hinterzimmer nach vorn, um seine Frau abzulösen. diese wandte sich der Fremden zu und deutete mit einer Kopfbewegung nach hinten.

„Kommen Sie, ich meine komm, ich mache uns einen Tee.“

Dann verschwanden die Beiden und ließen einen ratlos dreinblickenden Herrn Kruger im Verkaufsraum zurück. Er drehte sich zu Lisa um und fragte „verstehst du das?“

Lisa schüttelte nur den Kopf.

Herr Kruger blickte nachdenklich Richtung Hinterzimmer.

„Ich wollte noch zwei Eis kaufen.“ Lisa deutete auf die Gefriertruhe.

„Hm?“ Herr Kruger war wohl mit seinen Gedanken noch bei den beiden Frauen. „Ja, ja, ist in Ordnung, nimm sie dir einfach raus. Bezahlen kannst du später. Ich glaube ich muss mal da hinterher.“

Als Lisa herauskam, hatte Tom sich auf die Stufen der Veranda in den Schatten verzogen. Lisa reichte ihm ein Eis und setzte sich daneben.

„War ja nicht besonders lang. Und, wie ist dein Gespräch gelaufen?“

„Gar nicht.“

„Hä?“ Tom beugte sich mit dem Oberkörper von Lisa weg, um ihr besser ins Gesicht sehen zu können.

„Jetzt sei doch mal ein bisschen geduldig. Iss einfach dein Eis und wart ’s ab. Es ist was ganz merkwürdiges passiert.“

„Mit der Frau, die da eben reingegangen ist?“

„Ja, aber jetzt hör auf zu fragen. Ich weiß es selbst noch nicht so genau. Außerdem solltest du doch abwarten. Sag mal, seid ihr Jungs eigentlich immer so begriffsstutzig?“

„Nur bei Mädchen. Die sprechen nämlich immer in Rätseln.“ Tom grinste.

Lisa wollte ihn gerade gehörig anfahren, da besann sie sich eines Besseren. Es war wohl vernünftiger, sie schwieg. Hatte sie sich doch nach ihrem Aussetzer gestern gerade erst bei ihm entschuldigt.

Dann saßen Tom und Lisa minutenlang schweigend nebeneinander und warteten. Als nach geraumer Zeit immer noch nichts passiert war, ging Lisa noch einmal in den Laden. Wenige Augenblicke später war sie auch schon wieder zurück, mit zwei weiteren Eis.

„Das war ich dir noch schuldig. Ich hatte dir zwei Eis versprochen.“

„Und?“ Tom nickte Richtung Tür.

„Nichts. Da drinnen ist gähnende Leere. Wir warten.“

„Gut. Ich frag‘ nicht.“ Tom wickelte sein Eis aus und begann genüsslich, es zu verspeisen.

Zwanzig Minuten später öffnete sich die Ladentür mit einem Glöckchenbimmeln und die unbekannte Frau kam heraus. Sie stieg in ihr Auto, das auf dem Schotterplatz stand und fuhr, eine riesige Staubwolke aufwirbelnd, davon. Herr Kruger stand in der geöffneten Eingangstür und schaute der Frau nach. Dann bemerkte er die beiden Kinder, überlegte kurz und setzte sich schließlich in einen Schaukelstuhl auf der Veranda.

„Ihr seid ja noch da. Wegen des Eis hättet ihr aber nicht extra warten müssen. Ihr seid doch Stammkunden.“ Er zwinkerte ihnen zu. „Das Eis geht übrigens aufs Haus.“

„Wir hatten aber zwei,“ warf Lisa ein.

„Geht auch aufs Haus.“ Herr Kruger war immer ein fröhlicher Mensch, aber heute machte er einen besonders vergnügten Eindruck.

„Darf ich fragen, was da gerade los war oder ist das total unverschämt?“ Lisa hatte allen ihren Mut zusammengenommen.

„Nö, nö, das ist eine lange, bittere Geschichte, aber vielleicht kommt sie jetzt doch noch irgendwie zu einem guten Ende. Hier im Dorf ist es sowieso ein offenes Geheimnis, da kann ich es euch am besten gleich selbst erzählen. Ich habe dieses Familiengeheimnis meiner Frau eh nie gemocht. Ich bin ein ehrlicher Mensch, wisst ihr, ich finde es besser über seine Fehler und Probleme zu sprechen, anstatt sie in sich hineinzufressen. Aber ich fange mal Vorne an. Habt ihr Zeit?“

„Den ganzen Tag“, kam es aus Lisas und Toms Mund gleichzeitig. Sie guckten sich an und Lachten laut los und auch Herr Kruger musste lachen.

„Also gut, dann hört mal zu. Aber ich muss euch warnen, die Geschichte ist nicht lustig.“ Er atmete noch einmal hörbar aus, dann begann er zu erzählen.

„Meine Frau hatte eine jüngere Schwester, Helene. Ich habe sie nie kennengelernt, damals kannte ich Margret noch nicht. Helene soll so ein richtig flippiger Hippie gewesen sein, so richtig mit Mariuanarauchen, freier Liebe und so. Ihre Eltern waren nicht so begeistert darüber. Sie waren ziemlich konservativ müsst ihr wissen. Die Schwestern lebten beide noch bei ihren Eltern, auch wenn Helene nicht viel zuhause war. Außerdem war sie damals erst 17, 18, glaube ich. Die Schule hatte sie abgebrochen. Ihr könnt euch denken, dass der Haussegen bei Familie Kruger damals ziemlich schief hing.

Und dann kam Helene eines Abends heulend in das Zimmer von Margret. Sie hat mir das alles überhaupt nur erzählt, weil ich nicht lockergelassen habe. Naja, jedenfalls kam sie in ihr Zimmer und war völlig aufgelöst. Sie gestand ihrer Schwester dann, dass sie schwanger war und dass der Junge, von dem das Kind war, nichts davon wissen wollte. Heute wäre das vielleicht kein Problem mehr, aber das war Ende der 60er. Außerdem sind wir hier auf dem Dorf, da hätte man sich ordentlich die Mäuler zerrissen. Geschieht der Nutte nur recht und so. Oh, ich sollte vor euch nicht so reden, aber jetzt ist es eh schon raus, Entschuldigung.

Wo war ich? Ach ja, Helene war also schwanger. Margret hat es dann als große Schwester für ihre Pflicht gehalten, bei ihren Eltern zu vermitteln. Sie hat aber den Fehler begangen und Helene vorher nichts davon gesagt. Zu vermitteln gab es auch nichts. Ihre Eltern haben getobt, als Margret es ihnen eines Abends gesagt hat. Die Mutter soll schluchzend am Küchentisch gesessen und immer wieder gerufen haben ‚was sollen die Leute bloß denken‘ und der Vater ist gleich in Helenes Zimmer hochgestürmt und hat ihre Sachen aus dem Fenster auf den Platz hier geworfen.

Helene war zu dem Zeitpunkt nicht da. Als sie nachts nach Hause kam, wehte der Wind ihre Kleidung und Unterwäsche über den gesamten Platz, auf der Veranda standen zwei Koffer und daneben hockte ihre große Schwester, in Tränen aufgelöst.

Margret hat dann wohl versucht, es Helene noch zu erklären aber die war stinksauer, weil ihre Schwester über ihren Kopf hinweg entschieden hatte, es den Eltern zu erzählen. In ihrem Ärger und ihrer Verzweiflung hat Helene Margret verwünscht und gesagt, sie wolle sie nie im Leben wiedersehen. Danach hat sie ihre Sachen eingesammelt, in die Koffer gestopft und ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Ihre Eltern haben nie wieder über ihre jüngere Tochter gesprochen. Es gab nicht einmal mehr ein Foto von ihr hier im Haus. Ganz lange habe ich gar nicht gewusst, dass meine Frau eine kleine Schwester hatte.

Habt ihr noch Geduld? Denn dann kommt der Tragödie zweiter Teil.“

Tom und Lisa nickten, sagten aber kein Wort.

„Wie gesagt, das war alles vor meiner Zeit. Einige Jahre nach diesen Ereignissen lernte ich meine Margret kennen. Wir haben dann geheiratet, Kinder bekommen, aber das ist eine andere Geschichte.

Wir hatten damals noch keine Kinder. Margret war aber mit unserem Ältesten schwanger, da haben ihre Eltern uns gefragt, ob wir den Laden übernehmen wollten. Langweile ich euch auch nicht?“

Lisa und Tom schüttelten wieder synchron den Kopf, für Außenstehende sicher ein lustiges Bild, denn ihnen stand beiden beim Zuhören der Mund offen.

„Also weiter. Margrets Eltern hatten beide gesundheitliche Probleme und wir hatten vorher ohnehin schon, neben der regulären Arbeit, immer wenn es ging, ausgeholfen. Ich hatte eine kaufmännische Ausbildung, meine Frau arbeitete gerne im Laden, weil sie den Kundenkontakt, wie man heute sagt, liebte. Ihr habt bestimmt gemerkt, wie gerne sie redet.“ Her Kruger kniff ihnen erneut ein Auge zu.

„Kurzum, wir haben ja gesagt. Margrets Eltern wurden ausgezahlt und haben sich in einem kleinen Häuschen hinten bei der Kirche zur Ruhe gesetzt. Als wir hier über dem Geschäft eingezogen sind, wollte ich meiner hochschwangeren Frau einen Gefallen tun und den Umzugskarton mit der Aufschrift ‚Nachttisch Margret‘ am richtigen Ort einräumen. Dabei habe ich das Foto eines jungen Mädchens, eine Haarlocke und einen vergilbten Zeitungsartikel gefunden, in dem es darum ging, dass im örtlichen Krankenhaus eine junge Mutter und ihr Baby bei der Geburt gestorben waren. Ich habe dann meine Frau zur Rede gestellt und so lange gebohrt, bis Sie mir die ganze Geschichte erzählt hat. Sie hat dabei furchtbar geweint, ich im Übrigen auch, denn die Mutter aus dem Zeitungsbericht, so sagte Margret mir, war Helene. Es hat Margret furchtbar mitgenommen, dass sie sich nicht mehr mit Helene versöhnt hatte. Sie hat sie sehr geliebt. Und sie durfte nicht einmal über sie sprechen. Inzwischen rede ich mit Margret übrigens viel über sie. Sie muss eine tolle junge Frau gewesen sein.

So und jetzt kommt der Hammer! Wisst ihr, wer die Frau war, die da eben vom Hof gefahren ist? Helenes Tochter. Die Frau aus der Zeitung war gar nicht Helene. Nach der Geburt ihrer Tochter ist die nach Kalifornien gezogen und hat dort einige Zeit in einer Hippie-Kommune gelebt. Irgendwann, das hat Josie, ihre Tochter vorhin erzählt, hat sie fürchterlich Heimweh bekommen und sie ist mitsamt ihrer Tochter hierher zurückgekommen. Sie hat die letzten vierzig Jahre nur ein Dorf weiter gewohnt und niemand hat es gewusst.“

Lisa nutzte die entstehende Pause, um etwas zwischenzufragen. „Warum hat sie sich denn nie gemeldet?“

Herr Kruger seufzte. „Ich kann es dir nicht sagen, vielleicht wegen ihrer Eltern, vielleicht, weil sie sich in der Nacht vor ihrem Verschwinden so mit ihrer Schwester gestritten hatte. Ihre Tochter sagt, Helene hätte auch sehr unter dem Zerwürfnis gelitten, ihrer Tochter aber zu Lebzeiten jeglichen Kontakt untersagt.“

„Zu Lebzeiten?“ Lisa stutzte.

„Helene ist im März gestorben.“

„Oh, das tut mir leid.“ Wieder sprachen Tom und Lisa gleichzeitig.

Nun schwiegen alle.

Nach einer Weile sagte Lisa, „das tut mir wirklich leid. Danke Herr Kruger, dass sie uns die Geschichte erzählt haben.“

„Schon gut.“ Herr Kruger blickte Lisa direkt an. „Ihr könnt ja nichts dafür. Ich hoffe, es war auch für euch in Ordnung, dass ich euch das erzählt habe.“

Lisa nickte. Es bedurfte keiner weiteren Worte. Sie machten ihre Räder los und stiegen auf.

„Danke nochmal, auch für das Eis.“

„Gerne.“ Herr Kruger blickte den beiden nach wie sie den Hügel hinauf mit ihren Fahrrädern verschwanden.

„Das hat uns wieder nicht weitergebracht“, murrte Tom. Er war ebenso frustriert wie Lisa. Inzwischen standen sie wieder vor den zwei Backsteinhäusern. Obwohl es bereits nach sechs war, knallte die Sonne weiterhin erbarmungslos vom Himmel.

„Wir sind wohl keine besonders guten Detektive was?“, entgegnete Lisa zerknirscht. „Ich brauche zumindest noch eine Schulung im Fragen stellen. Ich habe immer so ’n Schiss, wenn’s drauf ankommt.“

„Kein Wunder, bei der Abfuhr von Frau Kruger neulich. Aber du hast Recht, die Geschichte eben war zwar wirklich anrührend, hat uns aber auch wieder nicht weitergeholfen.“

„Hoffen wir also darauf, dass Herr Seller morgen ein paar Antworten für uns hat.“

Lisas Mama erschien in der Haustür. „Ah Lisa, da bist du ja, ich wollte dich gerade zum Essen holen. Hey Tom. Ich habe nochmal den Grill angeworfen. Es hat sich ja gezeigt, dass ich Übung brauche. Außerdem war es mir in der Küche zu heiß. Moment, das war ein Denkfehler, jetzt stehe ich am Grill. Egal, ist eh zu spät.“ Beim Reden fuchtelte sie mit der Grillzange rum. „Willst du mitessen Tom? Wir haben genug.“

„Gerne“ antwortete Tom, da erschallte durch das Haus hindurch ein Gebrüll. Es war Jannik, der Mama nur den Halbsatz „Mama, das Fleisch“ zuschrie.

„Oh nein“, rief diese, starrte auf die Grillzange in ihrer Hand und ergänzte, „Jannik wollte aufpassen und im Notfall das Fleisch wenden.“ Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und eilte davon.

„Bist du denn sicher, dass du mitessen willst?“ Lisa zog eine Augenbraue hoch.

„Wieso?“, fragte Tom skeptisch.

„Hast du schon mal Holzkohle gegessen? Ich rate dir, halt dich an die Salate.“

„Okay“, meinte Tom, “ da bin ich mal gespannt. Ich sag noch schnell meiner Oma Bescheid.“

Das Fiasko entpuppte sich nur als halb so schlimm, wie am Vorabend. Das Fleisch war gerade noch dem Scheiterhaufen entkommen und der Rest des Essens war köstlich. Merle hatte wieder mit Begeisterung bei den Vorbereitungen geholfen und Jannik erzählte stolz, dass er die Koteletts eigenhändig mariniert hatte. Merle fand das ausgesprochen widerlich und es gefiel ihr mit ihrem kindlichen Ekel im Mittelpunkt der Unterhaltung zu stehen.

Tom saß dazwischen und die Wogen des Familiensturms rollten über ihn hinweg. Von rechts und links reichten sich Arme Schüsseln und Platten zu, das Gespräch brauste wie ein Orkan in seinen Ohren, das Essen war ein Durcheinander von Bewegungen und Geräuschen, das ihn überwältigte. Nur zufällig bemerkte er, dass Lisa ihn stumm beobachtete, während Merle und Jannik gerade um eine Schüssel Tomaten stritten und ihre Mama versuchte zu schlichten.

Er formte mit den Lippen ein wertloses „wow“ und riss dabei die Augen weit auf.

Lisa lachte und Tom fiel auf, wie schön sie war. Als er sie Sekunden später immer noch anstarrte, verschwand das strahlende Lachen, ihre Gesichtszüge entspannten sich und sie erwiderte ruhig seinen Blick.

Dann wurde Tom wieder vom Sturm überrollt, denn die Schüssel flog über den Tisch und alle Tomaten landeten auf seinem Teller und seinem Schoß. „Ja danke, ich nehme auch ein paar Tomaten“, sagte er und entspannte die Situation, die sonst sicherlich eskaliert wäre.

„Es ist mir so peinlich“, bemerkte Mama, „könnte mir bitte jemand eine Papiertüte über den Kopf ziehen? Das sind auch gar nicht meine Kinder, die wohnen nur zufällig hier.“

Alle lachten.

Sie saßen noch lange zusammen und spielten ein Würfelspiel, nachdem sie den Tisch abgeräumt hatten. Es dauerte schon darum eine halbe Ewigkeit, weil Merle jeden Punkt auf den Würfeln einzeln abzählte.

Es war bereits kurz vor zwölf, als sich Lisa und Tom vor dem Haus verabschiedeten.

„Also morgen halb neun vor dem Haus.“, sagte Tom. „Ich besorge Brötchen, dann müssen wir nicht erst in der Stadt einen Bäcker suchen.“ Er dachte einen Moment nach. „Deine Familie ist ein echtes Abenteuer.“

„Ich weiß“, antwortete Lisa. Dann entstand ein Augenblick Stille, in dem sich die beiden ansahen.

„Gute Nacht Tom.“

„Gute Nacht Lisa.“

„Ich hasse dich.“ Mit wutverzerrtem Gesicht stand die Frau in der offenen Wohnungstür und blickte ihrem Mann hinterher, der ihre kleine Tochter die Treppenstufen im Hausflur hinunterzog.

„Ich dich auch“, schrie er über die Schulter zurück, „aber jetzt muss ich los, sonst kommt die Kleine auch noch zu spät in den Kindergarten.“

Die Frau schlug die Tür von innen zu. Als der Mann kurz darauf unten durch die Haustür trat, hörte man aus dem Wohnzimmer im zweiten Stock ein langanhaltendes schrilles Kreischen. Er drehte sich nicht um, sondern zog seine Tochter, die immer noch laut schluchzte, zwischen den Autos hindurch auf die Straße. Sie hatten es eilig. Oben im Wohnzimmer hörte die Frau einen dumpfen Knall.

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