Licht

Nachts

Lisa saß aufrecht in ihrem Bett. Das Zifferblatt des Funkweckers zeigte genau 2.23 Uhr. Es war merkwürdig kalt, so kalt, dass sie sogar ihren Atem in der Luft sehen konnte. Ein helles, fahlblaues Licht erfüllte das Zimmer.

Lisa stieg aus dem Bett und ging barfuß, nur mit ihrem leichten Sommernachthemd bekleidet zum Fenster hinüber. Als sie hinausschaute, sah sie im Gegenlicht einen Mann über die Wiese gegenüber gehen, genau auf das Licht zu, das durch die Bäume des nahegelegenen Waldstücks schien. Die Person trug etwas in den Armen, das Lisa nicht genau erkennen konnte.

Leise schlich Lisa die Treppe hinunter und öffnete die Haustür. Die Luft schien draußen noch kälter zu sein, so dass sie fröstelte. Gerade noch konnte sie sehen, wie die unbekannte Person in dem Wäldchen verschwand. Schnell durchquerte Lisa den Vorgarten, öffnete das Gartentor und rannte über die schmale Landstraße. Auf der anderen Seite angekommen, spürte sie gefrorenes Gras unter ihren nackten Füßen. So schnell sie konnte, legte sie die gut achtzig Meter bis zum Waldrand zurück. Vom Laufen stach ihr die kalte Luft in der Kehle. Warum war es nur so kalt? Immerhin war es schon Ende Juli. Erst jetzt merkte sie, wie heftig ihr Herz schlug. Lisa hatte Angst. Wo war nur die Person hin? Wenn sie in das Licht sah, konnte sie so gut wie nichts erkennen. Nur die Bäume warfen Lisa ihre Schatten in langen schwarzen Streifen entgegen. Langsam, vorsichtig um sich spähend ging sie ein Stück in den Wald hinein. Wo war der Mann, den sie eben noch vor sich unter den Laubbäumen hatte verschwinden sehen?

Plötzlich knackte direkt hinter ihr etwas und sie sah aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Lisa duckte sich hinter einen kleinen, stacheligen Busch. Da war noch jemand, aber es war nicht der Mann, dem sie gefolgt war. Eine junge Frau ging nur wenige Schritte an dem Stachelgebüsch vorbei. Lisa hielt den Atem an und drückte sich tiefer in das Gestrüpp. Einer der Äste schrammte schmerzhaft an ihrem rechten Arm entlang und hinterließ dort vier fast parallele blutige Striemen. Lisas Herz schlug nun so heftig, dass sie die Adern an ihrem Hals pulsieren spürte. Das Blut rauschte in ihren Ohren.

Die Frau ging jedoch langsam weiter, ohne auch nur einen Moment zu zögern. Offensichtlich hatte sie Lisa nicht bemerkt. Als sie gerade noch in Sichtweite war, kroch Lisa aus ihrem Versteck und folgte der Unbekannten weiter in den Wald hinein. Lisas Atem erzeugte inzwischen dicke Schwaden, doch sie war so aufgeregt, dass sie nicht mehr fror, obwohl es immer kälter wurde. An den nackten Füßen spürte sie den weichen, feuchtkalten Waldboden.

Nach einer Weile näherten sie sich einer Lichtung. Hier schien das merkwürdige Licht seinen Ursprung zu haben. Die gesamte freie Fläche zwischen den umstehenden Bäumen war erfüllt von dem hellen bläulichen Schein. Der Tau auf den knöchellangen Gräsern war gefroren und bei jedem Schritt spürte Lisa ein Knirschen unter den Fußsohlen. Da war auch der Mann wieder, den sie auf dem Weg in den Wald aus den Augen verloren hatte. Er kniete in der Mitte der Lichtung auf dem Boden. Seine Last hatte er vor sich in das eisig glitzernde Gras gelegt und nun konnte Lisa auch erkennen, was er getragen hatte. Ein etwa fünf- oder sechsjähriges Mädchen lag bewegungslos auf dem Waldboden. Sanft strich der Fremde immer wieder über die Haare des kleinen Mädchens. Lisa kauerte sich hinter den Stamm einer Buche, von der aus sie einen guten Blick auf die Lichtung hatte und beobachtete was geschah. Die Frau aus dem Wald war inzwischen auch in das Licht hinausgetreten, setzte sich auf den Boden, rupfte mit ausdruckslosem Gesicht Gras aus und warf es beiseite, ohne von dem Mann oder dem Kind Notiz zu nehmen.

Auf der gegenüberliegenden Seite erschien nun ein weiterer Mann. Er ging einige Schritte auf die Lichtung hinaus und schaute unverwandt in Lisas Richtung. Sein Gesicht konnte sie nicht erkennen, weil das Licht zu sehr blendete. Behutsam, darauf bedacht, nur kein Geräusch zu verursachen, schob sie sich weiter hinter den Baumstamm. Eine Frau stand nur wenige Meter entfernt, in sich zusammengesunken an einen Baum gelehnt und weinte. Ein weiterer Mann, vielleicht siebzig oder sogar achtzig Jahre alt, betrat die Waldwiese und stand dann bewegungslos da. Lisa war so fasziniert, dass sie sogar vergaß Angst zu haben. Was ging hier vor sich? Inzwischen waren sechs Personen auf der Waldwiese eingetroffen. Sie alle waren auf merkwürdige Weise mit sich selbst beschäftigt, ohne Kontakt miteinander aufzunehmen. Was taten diese Menschen hier, mitten in der Nacht? Das Zeitgefühl hatte Lisa verloren. Wie lange hockte sie jetzt schon hier zwischen den Wurzeln der Buche und beobachtete diese bizarre Szenerie? Sie hatte keine Ahnung.

Nach einer ganzen Weile verließen die Menschen die Wiese so vereinzelt, wie sie erschienen waren. Zuerst verschwand der alte Mann in Richtung Straße. Auch die Frau aus dem Wald löste sich aus ihrer Starre und ging den Pfad zurück, auf dem sie gekommen war. Der Mann, den Lisa als erstes vor ihrem Haus gesehen hatte, strich dem kleinen Mädchen ein letztes Mal über den Kopf, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und erhob sich. Dann ging auch er allein zurück in den Wald.

Lisa war sich nicht sicher was sie jetzt tun sollte. Einerseits war sie gespannt, was als nächstes mit dem Kind passieren würde, das immer noch reglos auf der Lichtung lag, andererseits wusste sie nicht, wie sie, wenn das fahle Licht erlöschen würde, wieder zurück nach Hause finden sollte. Zu wenig hatte sie auf dem Hinweg darauf geachtet, wo sie hergegangen waren. Daher entschied Lisa, dem fremden Mann zu folgen, denn er ging zielstrebig in eine Richtung, schien also zu wissen, welcher Pfad wieder aus dem Wald hinausführte.

Der Mann ging langsam, so dass Lisa keine Mühe hatte, ihm zu folgen. Immer darauf bedacht, nicht entdeckt zu werden, huschte Lisa von Versteck zu Versteck. Nach ein paar hundert Metern, blitzte das Licht auf einmal hell hinter ihr auf und erlosch. Sie erschrak. Was wenn der Mann sich umdrehte, um nach dem Lichtblitz zu sehen? Sie glitt so leise wie möglich hinter eine stämmige Eiche und schaute um den Baum herum, doch der Fremde ging unbeeindruckt weiter in Richtung Waldrand. Lisa blickte sich noch einmal um, konnte die Lichtung aber nicht mehr erkennen, zu weit hatten sie sich schon davon entfernt. Also beeilte sie sich, um den Fremden nicht zu verlieren. Als er über einen umgestürzten Baum steigen musste, duckte sie sich hinter einen großen weißen Felsen. Kurze Zeit später passierten sie das Dornengestrüpp, in dem sich Lisa auf dem Hinweg versteckt hatte. Sie befanden sich also auf dem richtigen Pfad.

Die seltsame Kälte war nun verschwunden. Inzwischen wurde Lisa sogar ziemlich warm von dem andauernden Versteckspiel. Nur ihre Füße waren noch eiskalt und verlangten nach der heimischen Bettdecke. Warum war sie eigentlich so vorsichtig? Der Mann hatte sich die ganze Zeit nicht ein einziges Mal umgedreht und außerdem wusste sie doch gar nicht, ob von dem Fremden überhaupt eine Gefahr ausging. Einen Augenblick lang überlegte sie, ob sie nicht einfach zu dem Mann laufen und ihn ansprechen sollte, verwarf die Idee bei dem Gedanken an das auf der Lichtung zurückgelassene Mädchen aber sofort wieder.

Als sie am Waldrand ankamen begann es schon zu dämmern. Über die Wiese hinweg konnte Lisa ihr kleines weiß getünchtes Backsteinhaus sehen. Gartenpforte und Haustür standen immer noch offen.

Der Fremde wandte sich auf der Landstraße gerade nach rechts und ging den Hügel hinab. Eben verschwand sein Kopf hinter der leichten Anhöhe diesseits der Straße.

Lisa wartete noch einen Augenblick, dann spurtete sie über die Wiese bis zum Straßenrand. Dort blieb sie geduckt stehen und schaute den Hügel hinunter in Richtung des Dorfes. Der Mann war verschwunden. Lisa ging noch ein Stück bis zur Kuppe, doch der Fremde war nicht mehr zu sehen. Als Lisa wieder bis zum Gartentor zurückgegangen war, überlegte sie, ob sie noch einmal zu der Lichtung laufen sollte, um zu sehen, was mit dem kleinen Mädchen geschehen war, entschied sich aber dagegen. Zu unwirklich erschien ihr nun das Erlebte, zu drückend senkte sich die Müdigkeit auf ihr Denken.

Also schloss Lisa das kleine Holztor in der weißen Backsteinmauer hinter sich und ging die drei Stufen der Außentreppe hinauf. Sie blickte noch einmal zu dem Waldstück zurück. Friedlich lag es hinter der wilden Blumenwiese. Inzwischen war es schon hell geworden. Die Sonne war jedoch noch nicht aufgegangen. Dazu war es noch zu früh. Auf Zehenspitzen schlich Lisa die Treppe zur oberen Etage hoch, um niemanden zu wecken. Sie vergaß auch nicht, die vierte Stufe von oben auszulassen, damit diese sie nicht durch ihr Knatschen verriet.

In ihrem Zimmer angekommen schloss sie lautlos die Tür und schlüpfte unter ihre Bettdecke. Den Wecker drehte sie schnell um, ohne darauf zu schauen. Sie wollte gar nicht wissen, wie viel Uhr es war. Sie rollte sich auf die Seite, zog die Decke bis zum Hals hoch und umschloss ihre angezogenen Beine mit den Armen. Besonders ihre Füße bedankten sich für die wohlige Wärme, die sich auszubreiten begann. Lisa wollte noch einmal über alles nachdenken, was sie in der vergangenen Nacht erlebt hatte, doch schon nach wenigen Augenblicken fielen ihr die Lider zu und sie schlief ein.

Viele Menschen waren gekommen, aber Lisa sah sie alle nicht. Sie fühlte nur die Blicke. Krampfhaft hielt sie sich an den Blumen fest, die Augen auf die Urne geheftet, der sie hinterherlief. Neben ihr ging ihr Bruder, in Tränen aufgelöst, seine Hand schmerzhaft in ihre gekrallt. Vor ihr liefen nur Mama und Merle und die zwei Männer des Beerdigungsunternehmens, die die Urne trugen. Lisa musste das Gesicht ihrer Mutter nicht sehen, um zu wissen, dass diese dagegen ankämpfte zusammenzubrechen. Das durfte einfach nicht passieren, denn neben ihr ging Merle, leise schluchzend. Sie hatte sich geweigert von Mama getragen zu werden. Sie bemühte sich Haltung zu bewahren, wollte groß sein und wirkte so klein und zerbrechlich. Alles passierte wie in Nebel gehüllt. Die Grabrede, das Herunterlassen der Urne, die Menschen, die kondolierten. Ein Mann drückte Lisa eine Visitenkarte in die Hand, sagte etwas, das nur bruchstückhaft bei ihr ankam. Die Schlange der Trauergäste wand sich unendlich durch die Grabreihen. Die Zeit tropfte dahin. Irgendwann standen sie nur noch allein vor dem kleinen Grab. Lisa kniete sich hin, beugte sich weit in das winzige Loch hinab, um die Urne noch einmal zu berühren, konnte aber keinen Frieden darin finden. Erst jetzt legte sie ihre Blumen auf das Grab, vorher wollte es ihr nicht gelingen. Dann verschwamm das Bild.

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